HÄMATLI & PATRIÆ

16/09/2017 – 14/01/2018
Opening 15/09/2017, 19.00 Uhr

Kuratiert von Nicolò Degiorgis

Die angesichts der aktuellen Ereignisse in Europa neu interpretierten Begriffe Heimat und Vaterland (Patriae) stehen im Mittelpunkt der von Nicolò Degiorgis (Bozen, 1985) als Gastkurator des Jahres 2017 betreuten Themenausstellung im Museion. Als Inspirationsquelle für die physische und konzeptuelle Struktur des Ausstellungsparcours dient das 1570 entstandene flämische Gemälde Die Arche Noah auf dem Berg Ararat von Simon de Myle, auf dem die Landung der Arche auf dem Festland und nicht – wie es gewöhnlich geschieht – deren Abfahrt dargestellt ist.

Indem sie sich von dieser sonderbaren und stellenweise grotesk ausgestalteten Szene anregen lässt, präsentiert sich die Ausstellung sowohl als große Inszenierung dieses Gemäldes als auch als dessen zeitgenössische Deutung. Themen wie Einwanderung, Nationalismus, Populismus und Identität werden in der Form von Dialogen aufgegriffen, die von Persönlichkeiten, Tieren, Objekten und Situationen aus de Myles Bild inspiriert sind. Die Ausstellung zeigt mehr als 30 Arbeiten – Videos, Skulpturen, Installationen, Fotografien, Zeichnungen, Künstlerbücher und Dokumente – und nimmt daher die Gestalt einer Installation an, die erkundet werden will und die dazu beiträgt, Ereignisse der vergangenen Jahre zu interpretieren.

Der tragende Dialog findet zwischen Hämatli – dem germanischen Ausdruck für Heimat – und dem lateinischen Wort patriæ statt, das „Vaterland“ anzeigt oder die Begriffe „Nation“ und „Land“. Aus diesen beiden Polen heraus entstehen dann 23 weitere Dialoge, etwa zwischen Orient und Okzident, Vorder- und Rückseite, Räuber und Beute, Land und Meer, Grenze und Horizont oder Schweine und Ökonomie.

Den Ausstellungsraum dominiert – in dessen zentralem Bereich – die großflächige Reproduktion einer Fotografie von Luca Turi, die zu einem Teil der kollektiven Vorstellungswelt geworden ist, wenn es um Migration geht: Die 1991 erfolgte erste Landung von Migranten aus Albanien auf dem Frachter Vlora im Hafen von Bari. Das Foto formt mit der Installation Romeno è Giulietta (2015) von Eugenio Tibaldi den Dialog zwischen Habitat und Habitus. Bei Romeno è Giulietta handelt es sich um eine Oper über das tragische Schicksal des rumänischen Migranten Dimitri, der an Bord der Vlora nach Italien gekommen war – der Mann arbeitete nach seiner Ankunft für eine Großbäckerei in Verona und verstarb nach einer geschlechtsangleichenden Operation.

Die auf dem Bild der Vlora dargestellte Ansammlung von Körpern auf der Hafenmole in Bari setzt sich ideell in einen Teppich aus farbigen Teilen fort. Diese bilden Fragmente eines riesigen und selbst die Wände emporwuchernden Puzzles, das in den Ausstellungsraum eindringt und diesen kontaminiert. Dabei handelt es sich um die modulare Skulptur Devi urlare in un bosco per sentirne l’eco (Du musst in einem Wald schreien, um das Echo zu hören, 2017) von Luca Trevisani. Das für diesen Anlass entstandene Werk formt einen lebendigen Raum, der von den Besucherinnen und Besuchern sowie von den anderen Arbeiten der Ausstellung „bewohnt“ wird. Trevisanis Arbeit steht im Dialog mit den Zeichnungen des Schweizer Agronoms Ernesto Schick über die Eisenbahn-Flora des Bahnhofs in Chiasso. In diesem Grenzgebiet ist ein einzigartiger Lebensraum (habitat) entstanden, der aufgrund der besonderen Bedingungen eines vom Menschen extrem geprägten Bodens und der Anwesenheit allochthoner und von Eisenbahnzügen eingeschleppter Pflanzensamen eine ungewöhnlich hohe Biodiversität aufweist.

Das 2015 entstandene Video Volga des tschetschenischen Künstlers Aslan Gaisumov erzählt von der Reise, oder besser, von der Flucht des Künstlers. Gaisumov entkam während des ersten Tschetschenienkrieges – zusammengedrängt mit anderen Menschen in einem einzigen Auto – aus Groznyj. Degiorgis stellt diese Arbeit in einen Dialog (Land und Meer) mit dem Video Kwassa Kwassa des dänischen Kollektivs Superflex, das die Arbeit eines Bootsbauers auf der ostafrikanischen Inselgruppe der Komoren dokumentiert. Dessen Boote transportieren Migranten zur nahegelegenen Insel Mayotte – einem Übersee-Département Frankreichs und daher europäisches Territorium. Diese Überfahrten führten bislang zu mehr als 10.000 Schiffsbrüchigen.

Andere Arbeiten thematisieren Symbole, die für die Begriffe Vaterland und Nation stehen, wie die von zwei Wölfen zerrissene Fahnen im Video Homo Homini Lupus (2011) von Filippo Berta oder die zu einer Schwarz-weiß-Grafik reduzierten Fahnen im Video Flash Flag / Pink Nois von Philipp Messner aus der Sammlung Museion. Diese Arbeit zeigt in rasend schneller Abfolge sämtliche 191 Fahnen der von der UNO anerkannten souveränen Staaten und verhindert somit deren Wiedererkennen. Ein anderes Beispiel: In der Installation Infinite Contradictions des rumänischen Kollektivs Apparatus 22 wird die Fahne zu einer aus unterschiedlichen Teilen zusammengenähten instabilen schwarzen Skulptur.

Das Vaterland als Boden und – daraus folgend – der Begriff der Verwurzelung stehen im Mittelpunkt der Arbeit smash up von Andrea De Stefani, die hier in einer dialektischen Beziehung zur jener Migration steht, die Hans Winkler in seiner Arbeit Fußobjekte dargestellt. Die zwei Formen aus Gusseisen reproduzieren die Schritte der – auch Ötzi genannten – Mumie vom Similaun, die übrigens selbst zum Objekt eines Streits zwischen Österreich und Italien über deren „Staatszugehörigkeit“ und die jeweiligen Besitzrechte wurde.

Der Begriff der Grenze dehnt sich bis in den Luftraum aus, wenn die poetische Arbeit von Henrik Håkansson, Vertical swarm (Sturnus vulgaris) #01 über hochempfindliche Beziehungen zwischen Lebewesen nachdenkt, in denen die Freiheit des Einen dort endet, wo jene des Anderen beginnt. In seiner Installation benutzt der schwedische Künstler Schwärme von Vogelbälgen. Die Tiere wurden im Umfeld eines Flughafens in Norditalien getötet – eine übliches Verfahren, um Störungen des Flugverkehrs zu vermeiden.

Visionen aus dem Luftraum stehen auch im Mittelpunkt der Arbeit von Walid Raad Cotton under my Feet, 2007-2011 (Sammlung Museion), die aus den Abbildungen des Himmels über mehreren US-amerikanischen Städten besteht. In seinem Versuch, die Farbe des Himmels am 11. September 2001 zu rekonstruieren, konsultierte der libanesische Künstler mehrere Quellen und ermittelte 96 unterschiedliche Blautöne, die den Sektionen des ausgestellten Werks entsprechen.

Die von vielen Arbeiten suggerierte Einladung, das eigene Blickfeld zu erweitern, spiegelt sich in der physischen Struktur des Ausstellungsparcours wider. Wer die erste Abteilung durchquert hat, taucht in den abgedunkelten Raum einer großen Camera obscura ein, die das auf dem Kopf stehende und seitenverkehrte Bild der Ausstellung projiziert, in der man eben erst gewesen ist. Nur wer bis zum Ende – oder zu einem neuen Anfang – weitergeht, entdeckt die Übereinstimmungen mit dem historischen Gemälde und die Dialogpaare, die Nicolò Degiorgis zu seiner Vision inspirierten.

Der Ausstellung gingen fünf Präsentationen von fünf Künstlerbüchern voraus, die im Museion und zeitgleich an fünf Orten in der Region gezeigt wurden, die eine Beziehung zu diesen Büchern aufweisen. Dahinter steht die Idee, Kunst außerhalb des musealen Raums zu zeigen und daher an Orten, die der Gegenwartskunst nicht zuzuordnen sind. Die seit dem Januar 2007 bespielten Orte waren die Alexander-Langer-Schule in Bozen, die ENI-Siedlung in Borca di Cadore (in Zusammenarbeit mit Dolomiti Contemporanee), das Priesterseminar in Brixen und das Plessi Museum (in Zusammenarbeit mit der Brennerautobahn AG). Dazu kommt ab dem September 2017 die Justizvollzugsanstalt in Bozen.

 

Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung:

Yuri Ancarani, Apparatus 22, Filippo Berta, Mohamed Bourouissa, Donna Conlon, Simon De Myle, Nicolò Degiorgis, Hannes Egger, Aslan Gaisumov, Henrik Håkansson, Petrit Halilaj, Laëtitia Badaut Haussmann, Paolo Icaro, Armin Linke, Marcello Maloberti, Philipp Messner, Giuseppe Penone, Walid Raad, Ernesto Schick, Giovanna Silva, Superflex, Eugenio Tibaldi, Luca Trevisani, Luca Turi, Danh Vo et al.

 

Nicolò Degiorgis (Bozen,1985) studierte orientalische Sprachen an der Universität Ca’ Foscari in Venedig und Beijing. Er lehrt künstlerische Fotografie an der Freien Universität Bozen und im Gefängnis der Südtiroler Landeshauptstadt. Nicolò Degiorgis gründete den Verlag Rorhof und ist Kurator der Galerie foto-forum in Bozen. Seine Arbeiten wurden im In- und Ausland ausgestellt. Für seine Publikation „Hidden Islam” (Der verborgene Islam) wurde er auf dem Festival Recontres d’Arles 2014 mit dem Preis für den besten Bildband ausgezeichnet.

 

Photo: Die Vlora am Kai des Hafens von Bari, 8. August 1991. Abbildung von: Agenzia Luca Turi, Bari