Haim Steinbach
every single day

Haim Steinbach

Haim Steinbach

every single day

18/05 – 17/09/2019

Museion freut sich, eine Ausstellung mit Haim Steinbach (*1944, Rehovot, Israel) ankündigen zu können, einem der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler, dessen Werk erstmals nach zwanzig Jahren wieder in einem italienischen Museum gezeigt wird. Mit einer Anzahl ausgewählter Werke bietet die Ausstellung einen Überblick über Steinbachs Oeuvre der letzten dreißig Jahre –  Shelf Works (Regale), Boxen, Textarbeiten, Wandmalerei und großformatige Installationen.

Seit Mitte der 1970er Jahre ist Steinbachs Arbeit fokussiert auf den flüchtigen Status des Objekts und seine Bedeutung in Kunst und Alltagsleben. Bekannt wurde Steinbach Mitte der 1980er Jahre mit ausgewählten Objekten, die er auf Regalen arrangierte. Mehrere gekaufte oder gefundene Objekte werden nach Typologie, Anzahl oder Funktion zusammengestellt und in Beziehung gesetzt, wodurch Muster der Differenzierung, Wiederholung bzw. Singularität aktiviert werden. Indem die Objekte von ihrem üblichen Funktionsort und aus dem ihnen affinen Umfeld herausgenommen und mit anderen zusammengestellt werden, wechseln Kontext und Funktion auf unvorhersehbare Weise ihre Identität. Auf den Regalen kommt es zu unerwarteten Begegnungen unterschiedlicher Objekte. Turnschuhe, Teekannen, Seifen und eine Jason Voorhees-Maske aus dem Film “Friday the 13th” lassen sich mit Walter Benjamins Räubern vergleichen, die die Betrachtenden ihrer gängigen Überzeugungen berauben.

In Bozen rückt Haim Steinbach das Museion selbst als Ausstellungsobjekt ins Zentrum. Indem er Elemente der musealen Ausstellungsarchitektur verwendet und ihre Funktion verändert, zielt er auf denselben Verfremdungseffekt wie bei seinen Objekten. Das mobile Wolfsburger Wandsystem, mit welchem das Museion arbeitet, wird einerseits freigelegt, andererseits wird es mit Gipsplatten verkleidet, die mit Texten oder Farbfeldern bespielt werden. Die farbigen Gipsplatten beziehen sich auf die Geschichte der Farbnamen und deren Kodifizierung. Literatur ist ein weiterer für Haim Steinbachs Werk wichtiger Bezugspunkt. Die Wandmalerei, die für eine Wand im Foyer des Museion adaptiert wurde, enthält ein Fragment aus einem Gedicht Rainer Maria Rilkes, das dieser 1897 während eines Aufenthalts auf Schloss Englar in Eppan geschrieben hat.

Um 1977 begann Haim Steinbach, sich mit der Idee des Displays zu beschäftigen. Display meint die Auswahl und die Anordnung von Objekten. Es handelt sich dabei um eine Präsentation in dem Sinn, dass Dinge in einem Museum angeordnet werden. Es kann auch etwas sein, das wir zuhause machen, wenn wir zum Beispiel Familienbilder auf einem Regal anordnen. Ein frühes derartiges Werk, Display #7, wurde 1979 in der Galerie Artist Space in New York gezeigt. Der Künstler hatte Freunde und Familienmitglieder gebeten, ihm Objekte zu geben, die er dann auf Regalen anordnete, die vor dem Hintergrund breiter Tapetenstreifen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten an die Wand montiert waren.

1984 konzipierte der Künstler ein einfaches dreieckiges Regal, das drei verschiedene Winkel aufweist: 40°, 50° und 90°. Diese Struktur blieb von da ab für viele der folgenden Werke unverändert. Das Regal war in Abschnitte geteilt, die je nach den darauf platzierten Objekten variierten. So gesehen wurde das Regal zu einem Mittel gleich wie ein Maßstab. Es wurde zu einem System, das Proportionen herstellte, um den Raum und das Volumen des einzelnen Objekts bzw. der sich wiederholenden Objekte zueinander in Beziehung zu setzen.

Für Steinbach sind Farben Objekte. Wir geben Farben Namen wie Rot, Blau oder Grün. Rot ist rot, wie eine Rose oder wie Blut, Feuer und Liebe. Eine Rose kann auch blau sein oder gelb oder weiß. Der britische Farbenproduzent Dulux gab einem ganz bestimmten Braun den Namen “Starbucks Roast.” Steinbach nahm diese Farbe, machte damit ein Wandbild und übernahm den Namen im Werktitel. Steinbach betrachtet sowohl den Titel als auch die Farbe als Fundobjekte. Und da das Werk eine sprachliche Komponente hat, benannte Steinbach das Werk in starbucksroast um. Starbuck ist der Name einer Figur in Melvilles Roman “Moby Dick.” Starbucks ist eine Kaffeehaus-Kette.

Umgangssprachliche Ausdrücke und Titel durchziehen die Bedeutung von Wörtern. Im Druck nehmen sie die Züge der verwendeten Schrifttypen an. Es ist eine Sprache der Wünsche und der Beziehungen. Ein Buchstabe, ein Wort oder ein Satz fühlen sich leicht oder schwer, spielerisch oder ernst an je – nach der ihnen gegebenen Form und dem jeweiligen Kontext. Haim Steinbach sammelt Statements und Textfragmente, die er auf Papier oder auf die Wand überträgt, und zwar genauso wie er sie vorgebunden hat. Die Anordnung der Wörter sowie der Schrifttyp werden übernommen, nur die Größe der Versatzstücke ist variabel.

Die Poetik eines Textes besteht in der Architektur seiner Typographie.

Kuratorinnen: Susanne Figner, Letizia Ragaglia.

Die Einzelausstellung Haim Steinbachs im Museion ist eine Kooperation mit dem Museum Kurhaus Kleve.
Mit der freundlichen Unterstützung von Schloss Englar, Eppan

 

Katalog
Im Zusammenhang mit der Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Text von David Joselit, einem Interview mit Isabelle Graw und Beiträgen der Kuratoren und Direktoren. Außerdem wird das Kapitel “The Melancholy Angel” aus Giorgio Agambens Buch L’uomo senza contenuto abgedruckt.


 

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Haim Steinbach, weitausweißenblütenschauernwächstihrweltverlorensein, 2018. Courtesy the artist and Galleria Lia Rumma, Milano/Napoli. Museum Kurhaus Kleve. Foto: Simon Vogel