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Die Environments von Franco Vaccari

Exhibition
Franco Vaccari, Esposizione in tempo reale n. 21, Bar Code - Code Bar, 1993. Courtesy des Archivs des Künstlers
28.03.—13.09.2026

Feedback. Die Environments von Franco Vaccari
28.03.2026–13.09.2026
Eröffnung: 27.03.2026, 19:00
Kuratiert von Frida Carazzato und Luca Panaro

Das Museion freut sich, eine umfassende Ausstellung des Künstlers Franco Vaccari (Modena, 1936–2025) zu präsentieren, einer der innovativsten Stimmen der Kunst der Nachkriegszeit und der italienischen Konzeptkunst. Sie versammelt Foto- und Videoarbeiten, Künstlerbücher und Archivmaterialien und bietet erstmals einen Überblick über die Rauminstallationen als zentralen Kern seiner künstlerischen Praxis. Ursprünglich aus Anlass von Vaccaris 90. Geburtstag geplant, ist dies die erste große institutionelle Ausstellung des Künstlers in Italien seit über einem Jahrzehnt. Sie ordnet sein Werk in einen breiteren internationalen Diskurs über die Beteiligung des Publikums ein, das für den Künstler eine aktive Rolle bei der Entstehung des Kunstwerks selbst einnimmt.

Nach einem Studium der Physik wandte sich Franco Vaccari ab der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre der bildenden Kunst zu und hinterfragte in seiner Praxis konsequent die Vorstellung des Kunstwerks als eines feststehenden Objekts. Anstatt autonome Werke zu erschaffen, konzipierte er die von ihm entwickelten Projekte als Ausstellungen in Echtzeit (Esposizioni in tempo reale): Hierbei entfaltet sich das Kunstwerk durch die Anwesenheit und die Handlungen des Publikums. Dieser Ansatz zieht sich durch sein mehr als 50 Jahre umspannendes Œuvre und vereint Werke mit einer großen medialen Bandbreite: von der Fotografie über Klang und die Filmkunst bis hin zu Videoarbeiten und frühen internetbasierten Projekten. Für Vaccari spielt die Technologie eine wichtige Rolle in der Weise, wie Wirklichkeit wahrgenommen, erinnert und geteilt wird.

Diese künstlerische Strategie beschrieb der Künstler in seinem wegweisenden Essay Fotografia e inconscio tecnologico(1979) als „occultamento dell’autore” („Verschwinden des Autors“). Anstatt ein fertiges Werk zu präsentieren, schafft er vielmehr Bedingungen, unter denen Bedeutung durch Interaktion, auch kollektive Präsenz, und durch einen Anteil von Zufälligkeit entstehen kann. Die Betrachtenden stellen somit keine passiven Beobachter*innen dar, sondern sind wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks an sich. Vollendeten Ausdruck findet dieses Prinzip in Vaccaris Rauminstallationen: Meist handelt es sich dabei um temporäre Architekturen, die Ausstellungsräume in Orte der Erfahrung verwandeln. Vaccaris Werke verfolgen keine spezifische gestalterische oder architektonische Absicht, stattdessen sind sie oft aus alltäglichen oder wiederverwendeten Materialien realisiert. Sie bleiben offen für das Unvorhersehbare und geben dem, was in ihnen geschieht, den Vorrang gegenüber ihrer physischen Struktur.

Die thematisch geordnete Ausstellung entfaltet sich in einer Abfolge von Rauminstallationen und weiteren Arbeiten, die grundlegende Aspekte von Vaccaris Praxis ausloten. Themensetzungen zu den Spuren, die Menschen hinterlassen, zum kollektiven Unbewussten und zur Bildung von Erinnerungen lenken den Blick auf die Werke und bestimmen die von Fosbury Architecture besorgte Ausstellungsgestaltung.

Den Auftakt zur Ausstellung bilden Projektarbeiten, die durch die Dunkelheit eine Annäherung an die Welt des Unbewussten, an Selbstwahrnehmung und an die Welt des Traums ermöglichen. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinne sind die Besucher*innen eingeladen, in das eigene Innere „hinabzusteigen“. In diesen Arbeiten verlangsamt sich die Wahrnehmung, und vertraute Sichtweisen treten in den Hintergrund, um einer aufmerksameren, sinnlichen Erfahrung Raum zu geben. Rauminstallationen wie La Scultura Buia (1968), Esposizione in tempo reale n. 19, Codemondo (1980) und Esposizione in tempo reale n. 20, Ambiente grigio multiuso – Scatola per sondare lo spazio vicino e lontano (1987) schaffen Situationen, in denen die persönliche Erfahrung Teil eines gemeinsamen Raums wird.

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Die Ausstellung setzt sich fort mit Rauminstallationen, die Vaccaris Interesse an den Spuren menschlicher Gegenwart im urbanen öffentlichen Raum sowie an den sozialen Dynamiken temporärer Gemeinschaften adressieren. Neben dem 1972 auf der Biennale in Venedig vorgestellten ikonischen Projekt Esposizione in tempo reale n. 4, Lascia su queste pareti una traccia fotografica del tuo passaggio und dem hieraus entwickelten ambitionierten Werk Photomatic d’Italia (1972–1975), das unter Einbeziehung von Fotoautomaten in öffentlichen Räumen in ganz Italien entstand, spüren auch die beiden Arbeiten Esposizione in tempo reale n. 21, Bar Code – Code Bar (1993) und Mini Cinema(2003) Aspekten von sozialer Interaktion, kollektivem Verhalten und Momenten spontaner Begegnung nach. Vaccaris Rauminstallationen werden in der Ausstellung nicht als statische Rekonstruktionen, sondern als zu reaktivierende Situationen präsentiert, die den ursprünglichen Intentionen des Künstlers treu bleiben und zugleich auf das heutige Publikum reagieren.

Die Sammlung des Museion umfasst etwa 20 Werke Franco Vaccaris, die überwiegend dem 2020 dem Museum geschenkten Archivio di Nuova Scrittura angehören. Dieses Werkkompendium beinhaltet auch einige der frühen verbo-visuellen Arbeiten des Künstlers, die seine Anfänge als visueller Dichter markieren und in denen bereits sein anhaltendes Interesse an Sprache, Spuren und menschlicher Präsenz hervortritt. Die Aufnahme einiger dieser Werke in die aktuelle Ausstellung unterstreicht die Kontinuität zwischen seiner frühen Forschung und dem Sammlungsbestand des Museums.

Franco Vaccari

Franco Vaccari wurde am 18. Juni 1936 in Modena geboren und absolvierte zunächst eine wissenschaftliche Ausbildung im Bereich der Physik. Nach künstlerischen Anfängen als visueller Dichter gestaltete er 1969 seine erste Esposizione in tempo reale, in der er das für seine spätere künstlerische Praxis zentrale Konzept der „Ausstellung in Echtzeit“ einführte. Wenngleich sein Schaffen unterschiedliche Herangehensweisen umfasst, wird es doch häufig aus dem Blickwinkel des konzeptuellen Realismus betrachtet. Esposizione in tempo reale n. 4, Lascia su queste pareti una traccia fotografica del tuo passaggio gehört zu seinen bekanntesten Arbeiten und war 1972 in einem eigenen Raum im Hauptpavillon der Biennale von Venedig zu sehen; in den Jahren 1980 und 1993 bespielte Vaccari dort erneut separate Räume.

Neben seiner künstlerischen Arbeit begründete Vaccari ebenfalls eine einflussreiche theoretische Tätigkeit und publizierte wegweisende Texte wie Duchamp e l’occultamento del lavoro (1978) und Fotografia e inconscio tecnologico (1979). Seine Werke wurden international in bedeutenden Ausstellungen und Institutionen präsentiert, so etwa auf der Gwangju Biennale in Südkorea, in der Kunsthalle Basel, im Musée de l’Elysée in Lausanne, im Mostyn in Wales, in der Fondazione Morra Greco in Neapel und auf der Mailänder Triennale. Franco Vaccari verstarb 2025.

Begleitprogramm

09.04.2026
​17:00–19:00

Museion Ink in Zusammenarbeit mit Teatro Stabile Bolzano

Begegnungen des kreativen Schreibens: Im Rahmen des Workshops Museion Ink werden die Werke von Franco Vaccari die Teilnehmer*innen zu automatischem und persönlichem Schreiben anregen. Für diesen besonderen Termin werden die Aktionen vom Teatro Stabile Bolzano geleitet, um die Logik der „Echtzeit“ hervorzuheben – eine gemeinsame Bezeichnung seiner Arbeiten, die sich tatsächlich im Moment der Handlung selbst realisieren. Die Teilnehmenden sind frei, in den einfach eingerichteten Situationen zu agieren, die von den vaccarianischen Ambienti geboten werden, in denen Zufall und Spiel die Hauptrolle spielen.

28.05.2026
​20:30

Sound performance von Francesco Fonassi und Luisali Theisen im Ambiente Sogni n.1  von Franco Vaccari

Das Konzert, das eigens auf Magnetband für Vaccaris Werk konzipiert wurde, schafft einen Dialog zwischen den Praktiken des Künstlers und der Künstlerin, wobei die Ereignisse in Echtzeit in der Ausstellung einbezogen werden. Am Ende des Konzerts besteht nach vorheriger Anmeldung die Möglichkeit, in dem Raum zu übernachten, um am folgenden Tag die eigenen Träume zu erzählen und so Vaccaris Werk erneut zu aktivieren.

23.06.2026
​15:00–17:00

Erzähltreff

„Ereignisse in Echtzeit“: Franco Vaccari war überzeugt, dass Kunst nur dann aktiv ist, wenn wir selbst sie beleben und unmittelbar in Erfahrung bringen. Warum er das dachte? Weil auch das tägliche Leben und unser Miteinander geprägt sind von den Spuren, die wir in verschiedenen Situationen hinterlassen. Beim Erzähltreff erleben wir die interaktiven Settings – ambienti – des Künstlers und erforschen die Beziehungen, die sich dadurch knüpfen.

09.07.2026
​19:00

Führung mit der Kuratorin Frida Carazzato und dem Kurator Luca Panaro (IT)

Jeden Samstag und Sonntag
14:00–18:00

Kunstgespräche (IT/DE/EN)

Ins Gespräch kommen und Vaccaris „Ereignissen in Echtzeit“ direkt begegnen:
Während der wöchentlichen Kunstgespräche stehen Kunstvermittler*innen für individuelle Dialoge und Vertiefungen zur Verfügung und bringen auf Wunsch die interaktiven Settings – ambienti – des Künstlers Franco Vaccari gemeinsam in Erfahrung.

Jeden Donnerstag
19:00

Welcome!

Kostenfreie Abendführung (IT/DE)

Während der Ausstellungsdauer

Family Tour

Auf Entdeckungstour: Ein speziell für Familien und Kinder entwickeltes KIT wird zur Einladung, die Ausstellung autonom und über einfache spielerische Handlungsmomente zu entdecken.

(IT/DE/EN) kostenfrei am Infocenter ausleihbar

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Die Environments von Franco Vaccari

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28.03.2026–13.09.2026
Eröffnung: 27.03.2026, 19:00
Kuratiert von Frida Carazzato und Luca Panaro