Von U-Bahn-Waggons bis hin zu Bibliotheksregalen – Graffiti-Writing hat Jahrzehnte und Kontinente überspannt und sich dabei gewandelt von einer rebellischen Geste zu einer anerkannten und respektierten Bildsprache. Von dieser Entwicklung erzählen zahlreiche Bücher, seien es Biografien, wissenschaftliche Beiträge, Ausstellungskataloge oder Bildbände. Wir haben hier eine kleine Auswahl getroffen, die inspiriert ist von den Themen der Ausstellung Graffiti. Diese ist derzeit noch im Museion zu sehen und erkundet die Praxis des Graffiti als eine Linse, durch die hindurch die Stadtlandschaft betrachtet werden kann: Unsere drei Buchtipps nähern sich dem Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven, was Stil und Setting betrifft, doch weisen sie überraschende Affinitäten hinsichtlich der von ihnen behandelten Themen und Emotionen auf.
Zeichen in der Stadt. Urbane Erzählungen zwischen Wort, Bild und Identität
Lesetipps für den Sommer
Jonathan Lethem, Die Festung der Einsamkeit, Köln, Tropen Verlag, 2004
Der Roman handelt von Dylan Ebdus, einem weißen Jungen, der in den 1970er-Jahren im Stadtteil Gowanus in Brooklyn aufwächst. Dann aber beschließen seine Eltern, in ein überwiegend afroamerikanisch geprägtes Viertel umzuziehen, denn sie möchten zeigen, dass ein Zusammenleben verschiedener Ethnien möglich ist. Es kommt allerdings anders als erhofft: Dylan sieht sich bald schon mit Isolation und Mobbing konfrontiert. Bis sich sein Leben von Grund auf wandelt durch die Freundschaft mit Mingus Rude, dem Sohn eines abgehalfterten schwarzen Soul-Sängers. Mit ihm teilt Dylan eine tiefe Leidenschaft für Marvel Comics und Graffiti-Writing.
„Der weiße und der schwarze Junge stehen beim Taggen abwechselnd Schmiere. Der Vorgang ist radikal vereinfacht worden: Der weiße Junge hat aufgehört, nach einem eigenen Spitznamen zu suchen, und ist vom schwarzen Jungen ermutigt worden, dessen Tag zu imitieren. DOSE, DOSE, DOSE. Für beide Seiten eine glückliche Lösung. Der schwarze Junge weiß seinen Namen weiter verbreitet, um Angeberpunkte für Allgegenwart zu sammeln, dem entscheidenden Kriterium für den Erfolg eines Graffitikünstlers. […] Und was springt für den weißen Jungen dabei heraus? Nun, auf diese Weise ist es ihm gestattet, seine Identität mit der des schwarzen zu verschmelzen und so seinen Funkymusicwhiteboy-Komplex in der Illusion aufzulösen, er und sein Freund Mingus Rude wären beide Dose, nicht mehr und nicht weniger. Ein Team, eine geschlossene Front, ein Markenzeichen, eine Idee.“
Jonathan Lethem (New York, 1964) ist ein US-amerikanischer Autor von Romanen, Sachbüchern und Erzählungen. Seine Werke wurden u. a. in Zeitschriften wie The New Yorker und Rolling Stone abgedruckt. Seit 2011 unterrichtet er kreatives Schreiben am Pomona College in Kalifornien und lebt abwechselnd in Brooklyn und an der Westküste.
Paolo Parisi, Keith Haring. Die illustrierte Geschichte, München, Prestel, 2022
Für unseren zweiten Tipp, eine Graphic Novel, hat sich Paolo Parisi auf offizielle Quellen gestützt, und zwar in erster Linie auf die Tagebücher, die Haring ab 1978 bis zu seinem Tod geführt hat. Die Kindheit des Künstlers, seine frühe Leidenschaft für das Zeichnen, sein Aufstieg in der Kunstwelt und sein soziales Engagement bis hin zu seinem tragischen und vorzeitigen Tod im Alter von nur 31 Jahren werden ebenso lebendig wie mitreißend nachgezeichnet.
Mit nur drei Farben – Blau, Rot und Magenta, ohne jede Nuancierung eingesetzt – und einer an Harings hypnotisches Alphabet erinnernden Ausdruckssprache schlägt Parisi die Lesenden in Bann. Er versetzt sie das New York der 1970er- und 1980er-Jahre, als die New Wave in vollem Schwung war: Es war die Zeit neu entstehender Kunstgalerien und Underground-Bewegungen, so auch die des Graffiti mit Keith Haring als einer ihrer wichtigsten Vertreter*innen.
Rasant erzählt die illustrierte Biografie von den Provokationen und dem aktivistischen Engagement des Künstlers. Dieser setzte sich für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit ein: für die Bürger*innenrechte der LGBTQ+-Bewegung und von AIDS-Kranken, gegen Rassismus, Gewalt und Waffengebrauch sowie gegen jede Form von Diskriminierung. Mit seinen Zeichnungen und ikonischen Figuren – den Radiant Boys, den „agender“ Strichmännchen und den Barking Dogs – erreichte Haring die ganze Welt und konnte mir ihr kommunizieren.
Doch unternimmt Parisi hier nicht nur eine Würdigung des Menschen und Künstlers Haring – mit diesem verbindet ihn zugleich der Wunsch, dass Kunst für alle zugänglich sein soll. Das formuliert Parisi im Vorwort so: „Das Werk gehört allen, es muss öffentlich sein. Es ist nicht exklusives Eigentum privater Sammler oder in sich geschlossener Gruppen. Das Werk wird in der Gesellschaft, für die Gesellschaft reproduziert.“ (S. 6)
Paolo Parisi (Montepulciano, 1980) ist ein italienischer Zeichner und hat bildende Kunst studiert. Seine großen Leidenschaften – Jazz- und Punkmusik, Literatur, zeitgenössische Kunst und Grafik – fließen ebenfalls in seine jüngsten Arbeiten ein, in denen er ikonische Figuren wie Jean-Michel Basquiat, John Coltrane und Keith Haring porträtiert hat. Er lebt und arbeitet in Mailand.
Helene Hegemann, Striker, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2025
Der Titel des Romans lässt zunächst vermuten, dass der geheimnisvolle Graffiti-Writer Striker, der sich unter abenteuerlichen Bedingungen von Gebäuden abseilt, der Protagonist sei. Tatsächlich ist die Schlüsselfigur jedoch N – ihr vollständiger Name wird nie enthüllt. Die junge Frau lebt in einem Arbeiter*innenviertel Berlins und arbeitet als Trainerin in einer Kampfsportschule, um über die Runden zu kommen. N trainiert mit großer Disziplin für Wettkämpfe und scheut sich auch nicht, Männer herauszufordern, gegen die sie keine Chance hat.
Eines Morgens tauchen an der Hauswand gegenüber ihrer Wohnung seltsame Zeichen auf, die N in Aufruhr versetzen. Nicht nur, weil sie in der Nacht nichts davon mitbekommen hat, es ist ihr auch unbegreiflich, wie der Graffiti-Writer die scheinbar doch unzugängliche Wand erreicht hat. Noch komplizierter wird es, als die obdachlose Ivy auftaucht, die sich im Treppenhaus von Ns Wohnung herumtreibt und behauptet, eine Beziehung mit dem berühmten Striker zu führen. N kann sich der jungen Außenseiterin nicht entziehen, für die sie eine Mischung aus Mitgefühl und Abscheu empfindet.
N führt kein bequemes Leben, kann nicht auf die Unterstützung ihrer Familie zählen und lebt in einer widersprüchlichen Beziehung mit einer gut situierten Politikerin, die in einer luxuriösen Villa wohnt. Im Hintergrund schwingt stets das Geheimnis von Strikers Graffiti mit, das sich am Ende des Buches klärt mit einer kurzen Anmerkung der Autorin: „Den im Roman beschriebenen Zeichen liegen die Spiritual Letters von Mr. Paradox Paradise zugrunde. Paradox ist ein multidimensionaler Street Artist und Künstler aus Berlin. Seine Graffiti und Skulpturen sind ein unverzichtbarer Teil der Stadt, er gehört zu den mutigsten, besondersten und radikalsten Künstlern der Welt. Striker ist, wie alle anderen Romanfiguren und ihre Handlungen, trotzdem Fiktion.“ (S. 191)
Helene Hegemann wurde 1992 geboren und lebt in Berlin. Als Regisseurin gewann sie 2008 den Max Ophüls Preis für ihren ersten Film Torpedo. 2010 debütierte sie als Schriftstellerin mit dem Roman Axolotl Roadkill, der in 20 Sprachen übersetzt wurde. Ihr zweiter Roman Jage zwei Tiger kam 2013 heraus, gefolgt von Bungalow 2018. Im Jahr 2022 erschien ein Band mit Kurzgeschichten unter dem Titel Schlachtensee. Zudem führt sie Regie bei Oper- und Theaterstücken sowie Filmen.