Bulletin #22

Die olympischen Fackeln zwischen Erinnerung, Propaganda und Resilienz

 

Ein Interview mit Sonia Leimer & Christian Kosmas Mayer über die Ausstellung What We Carry

von Caterina Longo und Mara Vicino
#Contemporary positions #What We Carry
Sonia Leimer, 8, 2025. 42 Olympic torches (Courtesy Olympic Aid and Sport Promotion Project Association) Courtesy of the artist and Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder Installation view, What We Carry, Museion, 13.11.2025–29.03.2026 Tiberio Sorvillo

„Olympische Fackeln sind keine statischen Gegenstände, sondern Teil eines Kontinuums, in dem sich Ideen, Bilder und Erzählungen wandeln. Dadurch dass wir diese Objekte in die Gegenwart holen, haben wir zugleich Gelegenheit, sie zu hinterfragen und neu zu interpretieren, sehen, wie sich ihre Bedeutung verschiebt, wenn sie in neue Kontexte gestellt werden“, sagen Sonia Leimer und Christian Kosmas Mayer bei der Präsentation ihrer Werke, die für die Ausstellung What We Carry entstanden.

Als Beitrag zur Kulturolympiade Milano Cortina 2026 zeigt die Ausstellung eine außergewöhnliche Sammlung von 43 olympischen Fackeln (1936–2024). Diese stammen aus dem Besitz der Olympic Aid and Sport Promotion Project Association und werden von Leimer und Mayer anhand neuer Arbeiten und Recherchen in einen aktuellen Bezugsrahmen gerückt. So offenbart sich beim Rundgang durch die Ausstellung, inwiefern Gestaltung und Symbolik der olympischen Fackeln mit Aspekten wie Macht, Sichtbarkeit und kulturellem Vermächtnis verknüpft sind.

Sonia Leimer, 8, 2025. 42 Olympic torches (Courtesy Olympic Aid and Sport Promotion Project Association) Courtesy of the artist and Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder Installation view, What We Carry, Museion, 13.11.2025–29.03.2026 Lineematiche - Luca Guadagnini

Ausgangspunkt für dieses Projekt war eine bereits bestehende Sammlung von 43 olympischen Fackeln – sie sollte im Museum in Form einer Installation präsentiert werden. Welche Herangehensweise habt ihr für den Umgang mit der Sammlung gewählt und was hat euch dazu bewegt, sie zu einem Kunstwerk umgestalten?

Christian Kosmas Mayer: Zu Beginn stellten wir uns zunächst die Frage, wie sich diese Sammlung olympischer Fackeln in sinnvoller Weise mit unserer Arbeit verbinden ließe. Schnell haben wir erkannt, dass ein enger Zusammenhang zu der Idee hinter Sonias Platzhalter-Skulpturen besteht. Fackeln dienen dazu, Licht zu transportieren; sie stehen stellvertretend für die olympische Flamme. Bei der Abwesenheit von Licht wird die Fackel zu einem visuellen Platzhalter hierfür. Die Flamme selbst wird alle vier Jahre in Olympia entzündet, von Frauen, die die Sonnenstrahlen mithilfe eines Parabolspiegels bündeln. Diese Geste klingt in Sonias jüngsten Arbeiten an, die unser Verhältnis zum Sonnenlicht erkunden.

Sonia Leimer in der Ausstellung What We Carry, Museion, 2025.  Tiberio Sorvillo

Sonia Leimer: Meine Absicht war es, ein starkes Gefühl von Zeitlichkeit im Raum zu schaffen, eine Art von Zeitlandschaft. Daher werden die Fackeln auch im Verbund gezeigt, auf einer großen skulpturalen Struktur, die den gesamten Raum einnimmt und subtil auf den Sport, auf eine Laufbahn verweist. In diesem Setting erscheinen die Fackeln als eine „Familie“, als eine lineare Abfolge. Begleitet wird die skulpturale Präsentation von einer Videoarbeit, in der ich Fragen zu Licht, Hitze und Wärme in Hinblick auf unsere Lebenswelt nachgehe. Die Videoarbeit Solar zeigt den Parabolspiegel, der zum Entzünden der Flamme dient, die Spiegelungen des Sonnenlichts und der wechselnden Farben der Umgebung, gefolgt von der Aufnahme eines schmelzenden Eisbergs, den wir in diesem Jahr – während der Arbeit an dem Projekt – auf Fogo Island gesehen haben – ein Bild also, das die Beziehung zwischen unserem Planeten und der Sonne einfängt. Christian Kosmas wiederum richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Fackel von 1936 und verband sie mit seinem langjährigen Forschungsprojekt zu den olympischen Eichen.

Die Fackel des Jahres 1936 hat eine komplexe Geschichte – sie markiert den ersten olympischen Fackellauf, trägt durch den politischen Kontext aber auch beunruhigende Assoziationen in sich. Was hat dich dazu veranlasst, sich gerade mit dieser Fackel zu beschäftigen, und wie hat die dunkle Herkunft deine künstlerische Reaktion beeinflusst?

CKM: Der erste olympische Fackellauf wurde anlässlich der Berliner Spiele 1936 eingeführt und fügte sich in umfassendere Bemühungen des Nationalsozialismus, aus ihnen eine spektakuläre Propagandaveranstaltung zu machen. Ziel damals war es, ein friedliches und einladendes Bild von Nazi-Deutschland zu inszenieren – nur wenige Jahre, bevor von ihm die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust ausgehen sollten. Von Anfang an war uns klar, dass diese Fackel separat in einem kritischen Kontext gezeigt werden musste. Durch die Herstellung eines Bezugs zu den olympischen Eichen, die alle Goldmedaillengewinner*innen erhielten – auch dies eine symbolische Erfindung des NS-Regimes –, auch aber zur Geschichte des afroamerikanischen Athleten Cornelius Johnson konnten wir aufzeigen, wie diese Symbole für ideologische Zwecke eingesetzt wurden. Dies steht im Gegensatz zu Johnsons Lebenserfahrung, die sowohl in Berlin als auch in den USA von Diskriminierung geprägt war, und hilft den Betrachter*innen zu verstehen, dass die Fackeln keine neutralen Erinnerungsstücke sind, sondern Bestandteile einer umstrittenen und zutiefst politischen Geschichte.

Christian Kosmas Mayer in der Ausstellung What We Carry, Museion, 2025. Tiberio Sorvillo

Ihr setzt euch mit historischen Symbolen und Ereignissen auseinander – was bedeutet es für euch, diese aus einem zeitgenössischen Blickwinkel neu zu betrachten? Erkennt ihr Echos oder Parallelen dieser Geschichten in der Gegenwart?

SL: Olympische Fackeln sind nicht festgeschrieben in der Zeit, sondern Teil eines langen Kontinuums, in dem sich Ideen, Bilder und Erzählungen wandeln. Sie transportierten im Lauf der Jahrzehnte ganz unterschiedliche Bedeutungen: Mal dienten sie für politische Spektakel, mal wurden sie zu Ikonen der Einheit oder des technologischen Optimismus, mal traten sie einfach in den Hintergrund von Ereignissen. Auch in der heutigen Betrachtung spürt man noch das Echo der Kräfte, die sie geformt haben, seien es nationale Ambitionen, Soft Power oder der Wunsch, sich ein bestimmtes Image auf der globalen Bühne zu verschaffen. Dadurch dass wir diese Objekte in die Gegenwart holen, haben wir zugleich Gelegenheit, sie zu hinterfragen und neu zu interpretieren, sehen, wie sich ihre Bedeutung verschiebt, wenn sie in neue Kontexte gestellt werden.

In eurer Arbeit für das Museion erscheinen Feuer und Flamme als flüchtige Sinnbilder für nationalistische Spektakel – im Gegensatz zur leiseren Geschichte der Eiche, mit der Cornelius Cooper Johnson heimgekehrt ist. Doch auch die Eiche besaß damals ideologisches Gewicht. Wie seid ihr umgegangen mit der Spannung zwischen Symbol und Geschichte und wie entfaltet sich dieser Dialog in der Installation?

CKM: Die Eiche gehörte zu den bevorzugten Symbolen des NS-Regimes und wurde ungerechtfertigterweise als sogenannte „deutsche Eiche“ propagiert, obwohl die Baumart doch in ganz Europa wächst. Es war mir wichtig, diese Versuche einer ideologischen Aneignung zu adressieren und über die tatsächliche Lebensgeschichte des Baumes hinaus zu einem multinarrativen Ansatz zu finden, der die parallelen Geschichten in einen Dialog bringt. Besonders interessant an den olympischen Eichen ist jedoch, dass sie nicht nur symbolische Träger einer Ideologie sind, sondern auch Lebewesen. Und Lebewesen folgen ihrer Biologie, ihren Rhythmen und in gewisser Weise auch ihrem eigenen Willen. Daher war es so wichtig, lebende Setzlinge von Johnsons Eiche in die Installation miteinzubeziehen. Sie bringen eine andere Art von Präsenz ein, eine Präsenz, die sich nicht auf Propaganda reduzieren lässt, sondern von Wachstum, Resilienz und Zeit erzählt.

Christian Kosmas Mayer, The Life Story of Cornelius Johnson’s Olympic Oak and Other Matters of Survival, 2017/2025 Mixed media installation, Variable dimensions Olympic torch from the 1936 Berlin Games (Courtesy Olympic Aid and Sport Promotion Project Association) Courtesy of the artist and Galerie Nagel Draxler, Köln/Berlin Installation view, What We Carry, Museion, 13.11.2025–29.03.2026 Lineematiche - Luca Guadagnini

Christian, deine Arbeit zeichnet die Reise von Cornelius Cooper Johnsons olympischer Eiche nach Los Angeles nach, und für sie wurden sogar neue Setzlinge vom ursprünglichen Baum gezogen. Im Abstand von fast 90 Jahren: Wie hat sich für euch die Bedeutung dieser Eiche weiterentwickelt – wandelt sie sich noch, bildet sie neue Interpretationsschichten aus?

CKM: Dieser Baum ist zwar tief verwurzelt im historischen Kontext der Olympischen Spiele von 1936, hat während seiner fast 90-jährigen Lebensspanne aber zahlreiche neue Verbindungen ausgebildet. In Los Angeles ist er mitten im multiethnischen Koreatown zu einer mächtigen Eiche herangewachsen und wird seit Jahrzehnten gepflegt von einer Familie, die aus Mexiko in die USA eingewandert ist. All das verweist darauf, dass die Geschichte dieses Baums zum Gegenteil dessen geworden ist, was sich die Nazis als ideale Zukunft vorgestellt haben. Gleichzeitig beinhaltet das Werk für mich auch eine Warnung: Die von uns geschätzten liberaldemokratischen Werte sind nicht garantiert, sie müssen gegen autoritäre Kräfte immer wieder verteidigt werden.

Christian Kosmas Mayer, The Life Story of Cornelius Johnson’s Olympic Oak and Other Matters of Survival, 2017/2025 Mixed media installation, Variable dimensions Olympic torch from the 1936 Berlin Games (Courtesy Olympic Aid and Sport Promotion Project Association) Courtesy of the artist and Galerie Nagel Draxler, Köln/Berlin Installation view, What We Carry, Museion, 13.11.2025–29.03.2026 Lineematiche - Luca Guadagnini

Anlässlich der Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2026 wurde Museion vom Provinzialen Koordinierungskomitee der Spiele eingeladen, eine Ausstellung zu konzipieren, die einer der drei weltweit vollständigen Sammlungen aller Olympischen Fackeln gewidmet ist – von der ersten Staffel von 1936 bis heute. Zu diesem Anlass hat Museion eine Einladungsausschreibung an fünf international tätige Künstlerinnen und Künstler aus Südtirol eröffnet, um ein Projekt vorzuschlagen, das die Bedeutung der Olympischen Fackel neu interpretiert. Der Vorschlag von Sonia Leimer und Christian Kosmos Mayer ging als Gewinner hervor und nahm Gestalt in der Ausstellung What We Carry, in der zeitgenössische Kunst mit Werten wie Inklusion, Nachhaltigkeit und Vermächtnis verknüpft ist.

What We Carry – Bis zum 29. März 2026

Bulletin 2025