Bulletin #23

Lesarten feministischen Widerstands: drei Autorinnen, die soziale Grenzen und Beschränkungen herausgefordert haben

von Alessandra Riggione, Bibliothek des Museion, und Letizia Basso, Museion Shop
#Contemporary positions #Nicola L. – I Am The Last Woman Object #Literatur
Nicola L. – I Am The Last Woman Object, exhibition view, 2025, Museion. Photo: Luca Guadagnini

Für diese Ausgabe des Bulletin haben wir uns anregen lassen vom Werk und Leben der französisch-marokkanischen Künstlerin Nicola L., der das Museion aktuell eine Einzelausstellung mit dem Titel „I Am The Last Woman Object“ widmet. Als nomadische und radikale Künstlerin benutzte Nicola L. den weiblichen Körper im Sinne einer politischen Sprache. Die von ihr geschaffenen Werke hinterfragen das Bild der Frau als Objekt und eröffnen Vorstellungen einer kollektiven und fließenden Identität. Nicola L.s Performances sind nicht bloß ästhetische Experimente: Als Werkzeuge verändern sie die Weise, wie wir die Beziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Intimität und öffentlichem Raum erleben.

In diesem Zusammenhang haben wir drei Bücher von Autorinnen ausgewählt, die sich ihren Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit verschiedenen Herangehensweisen nähern: dem Soziologischen, dem Theoretischen und dem Militanten. Was die Autorinnen jedoch verbindet, ist das Eintreten dafür, dass weibliche Freiheit ein kollektiver Prozess ist, der sich daranmacht, Orte, Beziehungen und Alltagspraktiken umzugestalten.

Leslie Kern, Feminist City. Wie Frauen die Stadt erleben, Unrast, Münster 2020

In ihrem Buch untersucht Leslie Kern die Stadt als einen Ort der Macht und Ungleichheit, als einen Raum, der historisch von Männern für Männer gestaltet wurde und in dem die Bedürfnisse von Frauen und vulnerablen Gruppen systematisch übergangen werden. Feministische Fragen nach Sicherheit, Mobilität, Fürsorge und Barrierefreiheit zeigen, dass das urbane Umfeld keineswegs neutral ist. Hierzu schreibt die Autorin:

„Als Frau sind meine alltäglichen Erfahrungen in der Stadt zutiefst geschlechtsspezifisch. Meine Geschlechtsidentität prägt die Art und Weise, wie ich mich durch die Stadt bewege, wie ich meinen Alltag bestreite, und die Optionen, die mir offenstehen. Mein Geschlecht ist mehr als mein Körper, aber mein Körper ist der Ort meiner gelebten Erfahrung, an dem sich meine Identität, meine Geschichte und die Orte, an denen ich gelebt habe, in mich einschreiben, auf meinen Leib einwirken und einen Abdruck auf ihm hinterlassen. Dies ist der Ort, von dem aus ich schreibe. Es ist der Ort, an dem meine Erfahrungen mich dazu bringen, zu fragen: ‚Warum passt mein Kinderwagen nicht in die Straßenbahn?‘, ‚Warum muss ich einen Umweg von einer halben Meile nach Hause nehmen, weil der direkte Weg zu gefährlich ist?‘ […] Das sind nicht nur persönliche Fragen. Sie verweisen auf den Kern der Frage danach, warum und wie Städte Frauen ‚auf ihren Platz‘ verweisen.“ (S. 14)

Die Autorin und Aktivistin Leslie Kern wurde 1953 in Glendale in Kalifornien geboren. Bis 2024 war sie Direktorin des Programms für Frauen- und Genderstudien an der Mount Allison University in Sackville (Kanada) und forschte zu den konfliktträchtigen Beziehungen zwischen sozialen Schichten, Ethnien und Geschlechtern im urbanen Kontext, insbesondere zu Themen wie Gentrifizierung und der Marginalisierung der Schwächsten. Anschließend fasste Leslie Kern den Entschluss, sich dem Schreiben und dem Halten von Vorträgen zu widmen. Zudem ist sie als Beraterin und Coachin tätig.

Angela Y. Davis, Eine Autobiographie, AKI, Zürich 2023

Angela Davis erzählt von ihrem Leben im Kampf gegen Rassismus, das Patriarchat und das Gefängnissystem. Ihre ebenso intensive wie politische Erzählung macht deutlich, in welchem Maße Schwarze weibliche Körper historisch überwacht, bestraft und marginalisiert wurden. Davis’ Erfahrungen rufen uns in Erinnerung, dass die Befreiung der Frau nicht getrennt gedacht werden kann von anderen Formen des Widerstands und sich mit dem Kampf für Bürger*innenrechte und soziale Gerechtigkeit verbinden muss.

Angela Yvonne Davis, geboren 1944 in Birmingham in Alabama, ist politische Aktivistin, Akademikerin und Autorin. Bekanntheit erlangte sie für ihr Engagement in der Bürger*innenrechtsbewegung für gesellschaftliche Teilhabe und die Frauenbefreiung. In den 1970er-Jahren avancierte sie in den USA zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen Rassismus und das Strafvollzugssystem und verfasste grundlegende Werke zu diesen Themen. Sie lehrte an mehreren Universitäten, so auch an der University of California, Santa Cruz, wo sie Dozentin für Geschichte des Bewusstseins und für Feministische Studien war. Lange gehörte Davis zum Kreis der zahlreichen Persönlichkeiten, mit denen Nicola L. während ihrer New Yorker Jahre Kontakt pflegte.

bell hooks, Lieben lernen. Alles über Verbundenheit, HarperCollins, Hamburg 2022

In diesem Buch verknüpft bell hooks ihr persönliches Leben mit theoretischen Überlegungen. Neben zahlreichen Denkanstößen bietet sie uns eine originelle Sicht auf das Wesen der Liebe, die nicht bloß als romantisches Gefühl, sondern auch als eine ethische und politische Praxis begriffen wird. bell hooks appelliert an Frauen jeglichen Alters, auf sich selbst zu hören, den eigenen Körper anzunehmen und nach jener freien und bewussten Selbstliebe zu suchen, die der Feminismus im Kampf um Gleichberechtigung allzu oft vernachlässigt hat.

In einer klaren und leicht zugänglichen Sprache wechseln Beispiele aus akademischen Essays mit einem breiten Repertoire an Zitaten aus Kultserien und populären Bestsellern. bell hooks beschreibt in kritisch-analytischer Weise eine große Leerstelle, die sich in der gesamten Mainstreamkultur auftut: die Frage nach der Liebe als Akzeptanz des Selbst und des eigenen Körpers, einer Liebe, die befreit ist von historischen und gesellschaftlichen Zwängen, äußeren Einflüssen und patriarchalen Konventionen.

Dabei ist die Haltung der Autorin von Hoffnung getragen: Veränderung ist möglich durch einen generationenübergreifenden Austausch, durch Schwesternschaft, wechselseitige Unterstützung und das Pflegen solidarischer Freundschaften.

bell hooks lautet das Pseudonym von Gloria Jean Watkins, geboren 1952 in Hopkinsville (Kentucky). Die renommierte Wissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin galt als eine der einflussreichsten Stimmen des radikalen Schwarzen Feminismus. Nach Abschluss ihres Studiums an der Stanford University lehrte sie an mehreren Hochschulen, unter anderem in Yale und am City College of New York. 1999 wurde sie von der Universität Ferrara mit der Ehrendoktorwürde der Philologie ausgezeichnet. Am 15. Dezember 2021 starb bell hooks im Alter von 69 Jahren in ihrem Haus in Berea in Kentucky.

Unsere Leseempfehlungen begleiten die Retrospektive der bekannten französischen Künstlerin Nicola L. (Marokko, 1932 – USA, 2018), die derzeit im Museion zu sehen ist. Ihr multidisziplinäres Schaffen zwischen Skulptur, Malerei, Zeichnung, Collage, Performance und Film wird durch diese Werkschau in seiner ganzen Bandbreite erfahrbar. Nicola L. – I Am The Last Woman Object ist die erste Museumsausstellung der Künstlerin in Italien und die bislang umfassendste Präsentation ihres Werks weltweit.

Noch online bis zum 01.03.2026

Bulletin 2025