Bulletin #24

In Svens Zimmer

Ein Gespräch mit Elena Bini und Katia Cont (Sammlung – Archiv) über die Ausstellung Sven Sachsalber. Eine künstlerische Praxis erfassen: ein Forschungsprojekt des Museion

von Caterina Longo
#Contemporary positions #Sven Sachsalber
Sven Sachsalber, Amanita Muscaria, 2015 Artist’s estate, Laatsch/Laudes, Italy. Photo: Videostill

„Unmittelbar nach seinem Tod war der emotionale Aspekt natürlich sehr stark, und es fiel auch uns schwer, hier in institutionellen Zusammenhängen zu denken. Später besuchten wir dann die Familie, die Svens ‚Zimmer‘ für uns öffnete, uns seine Arbeiten, Entwürfe und Notizbücher, seine künstlerischen Anfänge, seine zerrissenen und unvollendet gebliebenen Werke und seine laufenden Projekte zeigte …“. Mit diesen Worten beschreiben Elena Bini, Verantwortliche des Bereichs Sammlung und Archiv, und Katia Cont, zuständig für die Katalogisierung, die Anfangsphase des mehrjährigen Forschungsvorhabens. In dessen Zuge wurden die Werkbestände des im Jahr 2020 früh verstorbenen Südtiroler Künstlers Sven Sachsalber erfasst und inventarisiert und seine künstlerischen Beziehungen kartiert.

Öffentlich vorgestellt werden die Ergebnisse dieser Forschungs- und Katalogisierungsarbeit unter anderem in der Ausstellung Sven Sachsalber. Eine künstlerische Praxis erfassen: ein Forschungsprojekt des Museion. In der vorliegenden Ausgabe des Bulletins geben wir Einblick hinter die Kulissen: Vom Vinschgau bis nach New York führte das Vorhaben in ganz unterschiedliche Welten und bewegte sich dabei zwischen der Vetrautheit persönlicher Freundschaften und einem distanzierten Blick aus dem institutionellen Abstand heraus.

Sven Sachsalber, Querceto, 2011 Private collection. Photo: Othmar Prenner

In welcher Beziehung stand Sachsalber zum Museion?

Elena Bini: Im Jahr 2014 hatte das Museion seine Ausstellung Hands, kuratiert von Frida Carazzato, im Projektraum gezeigt, und anschließend erwarben wir 2015 das Video von Sachsalbers Performance WILHALM (Curon). Außerdem wurde 2020 eines seiner Werke in der Gemeinschaftsausstellung unlearning categories präsentiert. Seit seiner ersten Ausstellung war Sven Sachsalber fester Bestandteil des „Lebens“ im Museion: So schaute er gelegentlich bei uns vorbei, besuchte die Ausstellungen, verbrachte Zeit in unseren Räumen. Man konnte nicht umhin, sich einem Künstler wie ihm verbunden zu fühlen, denn er besaß die angeborene Fähigkeit und Begabung, Beziehungen in natürlicher, sehr ungezwungener Weise zu pflegen. Er verstand es, Kontakt zum gesamten Team des Museums zu halten – man kannte ihn von der Aufsicht bis zum Bookshop, von der kuratorischen Abteilung bis zum Sammlungsbereich.

Museion hat das Forschungsprojekt initiiert, obwohl es nicht Nachlassverwalter des Künstlers ist. Was bewog euch dazu, Ressourcen in die Initiative zu stecken?

EB: Indem das Museion Sachsalbers Weg nachvollzogen hat, würdigte es die Bedeutung eines aufstrebenden jungen Künstlers, dessen Wirken ein so frühes und unerwartetes Ende fand. Unmittelbar nach seinem Tod war der emotionale Aspekt natürlich sehr stark, und es fiel auch uns schwer, hier in institutionellen Zusammenhängen zu denken. Später besuchten wir dann die Familie, die Mutter und die Großmutter, die Svens „Zimmer“ für uns öffneten, uns seine Arbeiten, Entwürfe und Notizbücher, seine künstlerischen Anfänge, seine zerrissenen und unvollendet gebliebenen Werke und seine laufenden Projekte zeigten. Hieraus reifte die Erkenntnis, dass es galt, dies alles über eine systematische Inventarisierung sozusagen zu „fotografieren“ … Von besonderer Dringlichkeit war dabei ein zentraler Aspekt von Sachsalbers künstlerischer Praxis, nämlich die im Laufe der Jahre geknüpften Beziehungen zu Freunden und Freundinnen, Kuratoren und Kuratorinnen, Künstlern und Künstlerinnen sowie deren Erzählungen. Ein wichtiger Aspekt, der allerdings zeitsensibel war, denn er basierte auf den Erinnerungen all jener, die dem Künstler begegnet waren.

Photo: Tiberio Sorvillo

Inwiefern unterschied sich denn die Arbeit an Sachsalbers Archiv von einer bloßen Katalogisierung von Kunstwerken?

EB: Wenn man mit einem Künstler- oder Künstlerinnenarchiv in Berührung kommt, so ist der erste Eindruck ein wenig so, als stünde man vor Jorge Luis Borges’ Bibliothek von Babel: vor einer Ansammlung heterogener Materialien, die sich für unterschiedliche Lesarten, Erzählungen, Interpretationsansätze und Spurenlesungen anbieten. In dieser Phase besteht die Forschungsarbeit weniger in einer erschöpfenden Beschreibung des Materials als vielmehr im Bestimmen von Sinnzusammenhängen und Kriterien, die Orientierung bieten angesichts einer Vielschichtigkeit, die sich jeder linearen und endgültigen Deutung verweigert.
Diese Herangehensweise ähnelt in etwa einer „detektivischen“ Suche nach Indizien, die sich dazu eignen, den Gesamtbestand philologisch aufzuarbeiten; im Archiv gibt es keine bestimmten Werke oder Dokumente, die wichtiger wären als andere – wir verfolgen bei unserer Arbeit keinen kuratorischen Zuschnitt, sondern bemühen uns, die Werke und Materialien zu erschließen, zu ordnen und teilweise in einfache Strukturen zu fassen, sie zu bewahren und Zugang zu ihnen zu eröffnen … Hieraus erwächst schließlich eine Zuneigung zu dem Künstler oder der Künstlerin und ihrem Archiv.

Übrigens verteilen sich Sachsalbers Werke – und auch das Netzwerk seiner Beziehungen – über verschiedene Orte und Welten: Wie gestaltete sich nun die Aufarbeitung eines Nachlasses, der in so weit entfernten Universen kursiert?

Katia Cont: Die Kartierung von Sachsalbers Nachlass bedeutete zunächst einmal, zu erkennen (und zu akzeptieren), dass hier kein alleiniger Mittel- und Schwerpunkt besteht. Die Werke, die Materialien und insbesondere seine Beziehungen bewegten sich zwischen dem Vinschgau und New York, zwischen Haus und Atelier, zwischen einer intim-familiären Dimension (Stichwort Heimat) und einer internationalen. Die größte Herausforderung bestand darin, all diese Pole zusammenzuhalten, ohne dabei eine Hierarchie herzustellen. Es ging darum zu vermeiden, dass die lokale Ebene als „Startpunkt“ und die internationale als „Zielpunkt“ gesetzt würden oder umgekehrt.

Sven Sachsalber, Studie 2 Bogner Rennanzug, 2019 Private collection, Bozen / Bolzano. Photo: Jürgen Eheim

Mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten saht ihr euch konfrontiert?

KC: In praktischer Hinsicht verhält es sich so, dass der Nachlass faktisch fragmentiert ist: Werke, die sich an verschiedenen Orten befinden, verstreute Dokumente, Arbeiten, die unvollendet blieben, in mehrere Teile getrennt wurden oder an bestimmte Kontexte gebunden sind, Beziehungen, die eher in der Erinnerung und im Schriftverkehr fortleben als in den Strukturen von Archiven und Katalogen. Die größte Schwierigkeit aber lag wohl in der konzeptionellen Ausrichtung: nämlich ein kohärentes Bild von einem Künstlerleben zu zeichnen. Insofern bedeutete die Erfassung von Sachsalbers Nachlass nicht, alles in eine perfekte, endgültige Ordnung zu bringen, sondern einen Werdegang und die hiermit verbundenen Beziehungen sichtbar zu machen.

Sachsalber wird häufig in Verbindung gebracht mit Performances, die bis an die Grenzen gehen…

KC: Die Kartierung lieferte ein umfassenderes Bild von Sven, als es die Assoziationen mit seinen „extremen“ Performances tun. Neben den Aktionen fielen vor allem Zeichnungen, Notizbücher, Texte und vorbereitende Arbeiten ins Auge, die von einer beständigen, durch Reflexion und Experimentieren getragenen Praxis erzählen. Insbesondere das Zeichnen scheint hier eine Konstante. Die Vielfalt der Werkmaterialien bezeugt nicht nur den anhaltenden Wunsch, verschiedene künstlerische Medien und Bezugnahmen zu erproben, sondern darüber hinaus auch den Impuls, über die Kunst mit sich selbst und der Welt in Dialog zu treten.

Kamen bei der Recherche auch Unerwartetes oder Überraschendes ans Licht?

KC: Wir haben weniger Unerwartetes entdeckt als vielmehr eine intimere und alltäglichere Dimension seiner Arbeit. Anhand der Archivunterlagen trat immer wieder auch ein sehr nachdenklicher, ironischer Sven Sachsalber mit Sinn fürs Detail hervor. Von meinen persönlichen Begegnungen mit ihm ist er mir stets als sehr präzise in Erinnerung. Was mich ebenfalls beeindruckt hat, war die Kontinuität seiner künstlerischen Praxis: Mit enormer Beständigkeit entstanden so kleine Zeichnungen, Skizzen und Notizen.

Sven Sachsalber, [Untitled] Artist’s estate, Laatsch/Laudes, Italy. Photo: Antonio Maniscalco

Die Ausstellung „Sven Sachsalber. Eine künstlerische Praxis erfassen: ein Forschungsprojekt des Museion“ wird kuratiert durch Lisa Mazza und Simone Mair vom Institut BAU und ist bis zum 21.06.2026 im Raum der frei zugänglichen Museion Passage zu sehen. Das digitale Archiv des Künstlers ist online aufrufbar. Damit hat die Öffentlichkeit Gelegenheit, einen Teil der über 350 digitalisierten Werke und Materialien zu entdecken (https://www.museion.it/de/sven-sachsalber-research-project).

Das Forschungsprojekt zu dem Südtiroler Künstler Sven Sachsalber (1987–2020) wurde vom Museion initiiert, von der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen gefördert und in Zusammenarbeit mit BAU – Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie – sowie mit der Familie des Künstlers realisiert.