Bulletin #25

„Rubbeln, rubbeln!“ Franco Vaccari und das Spiel des „Gratta e vinci“ in Meran

von Valerio Dehò, Paula Mair, Herta Torggler
#Contemporary positions #Franco Vaccari
Franco Vaccari. Ausstellung/Esposizione in tempo reale nº 26: Rubbeln und gewinnen. Gratta e vinci. 1998. © artFORUM GALLERY. Foto Andreas Marini

Rubbeln und gewinnen– so lautet der Titel von Franco Vaccaris Ausstellung in Echtzeit Nr. 26, die 1998 in der artForum Gallery in Meran stattfand. Die Ansage ist klar: Das Publikum war eingeladen, sein Glück zu versuchen, indem es Lose im Wert von 2000 Lire freirubbelte – in Anlehnung an ein Spiel, das zur damaligen Zeit an Popularität gewann. Die Suche nach einer billigen Illusion und die Reaktionen, die sie bei den Menschen auslöste, wurden so in eine künstlerische Geste verwandelt. Das Ganze trug sich in einem dunklen Raum zu, allein die Hände und Gesichter der Spielenden wurden beleuchtet und Aufnahmen von ihnen in Echtzeit auf eine Wand der Galerie projiziert, um auf diese Weise das Staunen über das Geschehen noch hervorzuheben – all dies sind wiederkehrende Elemente in Vaccaris Arbeiten. Anlässlich der Ausstellung Feedback. Die Environments von Franco Vaccari haben wir nun Erinnerungen und Spuren gesammelt, das titelgebende „Feedback“ eingeholt – bei Personen, die am Abend des 10. September 1998 in Meran zusammen mit dem Künstler Franco Vaccari vor Ort waren: bei Valerio Dehò, dem Kurator des Projekts und zu einem späteren Zeitpunkt künstlerischer Leiter von Kunst Meran, bei Herta Torggler, der Gründerin und Leiterin der artForum Gallery, sowie Paula Mair als Teilnehmerin.

„Und was mache ich jetzt? Rubbeln, rubbeln!“ Anfangs haben wir es nicht begriffen, wir wussten nicht, ob die Aktion nur vorgetäuscht war oder echt. Mein Mann Peter Lloyd war auch da, er war begeisterter als ich, es machte ihm Spaß zu spielen … Und Vaccari war auch ein sehr sympathischer Künstler, sozusagen einer von uns. Ich habe nichts gewonnen, es war ja ein Happening. Für mich jedenfalls war alles, was damals passierte, ein großartiges Event, etwas ganz Außergewöhnliches in Meran, das damals nicht gerade aufgeschlossen war, und wir haben mit großer Freude mitgemacht.“

Paula Mair, Teilnehmerin

Franco Vaccari. Ausstellung/Esposizione in tempo reale nº 26: Rubbeln und gewinnen. Gratta e vinci. 1998.  © artFORUM GALLERY. Foto Andreas Marini

„Wir alle haben gerubbelt und natürlich nichts gewonnen; wer spielt, verliert, doch gerade darin liegt ja das Vergnügen – das Spiel zu wagen, ein Risiko einzugehen. Unterhaltsam war es allerdings. Franco war schon immer ein Interpret dessen, was in der Welt geschah; er besaß Antennen hierfür und einen außergewöhnlichen Sinn für Ironie. Es ging ihm darum, ein Stück Wirklichkeit, eine Praxis der Massen in die Welt der Kunst zu überführen und die Reaktion darauf zu beobachten. Genau das geschah übrigens auch 1972 in Venedig bei der Ausstellung in Echtzeit Nr. 4, die zu seinen bekanntesten gehört: Sie hätte ein totaler Flop werden können, doch das Gegenteil war der Fall. Die Ausstellung entstand aus diesem Moment der Gegenüberstellung mit dem Publikum heraus … In Meran filmten und fotografierten wir die Menschen, das Publikum war der eigentliche Protagonist. Rubbeln und Gewinnen spielte mit dem Umstand, dass die Überraschung echt war; dieser Aspekt, das Hervorrufen einer Reaktion beim Publikum, war – wie immer – außerordentlich beeindruckend.“

Valerio Dehò, Kurator der Ausstellung in Echtzeit Nr. 26 und später künstlerischer Leiter von Kunst Meran

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„Vaccari kannte ich bereits seit einigen Jahren; 1994 hatte er zusammen mit anderen Künstlern und Künstlerinnen an Rosanna Chiessis Abendessen in Schwarz-Weiß teilgenommen, das ich für die Raffl Gallery in Meran organisierte … Das war ein denkwürdiges Ereignis, ich erinnere mich, dass Angelika Thomas eine Performance zeigte, bei der sie sich stundenlang über den Tisch hing. Als Vaccari mir dann Rubbeln und Gewinnen vorschlug, habe ich nicht gezögert, ich wusste ja, dass er ein seriöser Mensch war. Zur damaligen Zeit stellte das Rubbellos-Spiel „Gratta e vinci“ noch etwas vergleichsweise Neues dar, es gab bereits die ersten großen Gewinner*innen, und die Leute waren begeistert … An jenem Abend in Meran schienen alle narrisch, wir hatten 100 Rubbellose gekauft und verteilt. Der Raum war abgedunkelt, und nur der kleine Tisch, an dem die Lose freigerubbelt wurden, war beleuchtet. Außerdem gab es zwei Videokameras, wobei eine auf die Hände gerichtet war, die andere auf das Gesicht der Spielenden, und sie waren mit zwei Projektoren verbunden, die den Augenblick, in dem gerubbelt wurde, und die Reaktionen des Publikums hierauf an die Wände projizierten. Franco Vaccari und Andrea Marini haben fotografiert und den Ausdruck der Überraschung, Momente des Glücks festgehalten. Am Ausgang verteilten wir dann die Publikation, in die man das aufgerubbelte Los einlegen konnte; so wurde sie zum Exemplar einer vom Künstler signierten und nummerierten Edition. Abschließend tranken wir gemeinsam ein Glas Wein.“

Herta Torggler, Gründerin und Leiterin der artFORUM GALLERY – FORUM Zeitgenössische Kunst Meran

Franco Vaccari. Ausstellung/Esposizione in tempo reale nº 26: Rubbeln und gewinnen. Gratta e vinci. 1998. © artFORUM GALLERY. Foto Andreas Marini

„Die Ideen hatte er immer früher als andere, das zeichnete ihn aus. Er war genial.“

Valerio Dehò

Die Zeugnisse wurden von Caterina Longo für die Redaktion des Museion Bulletin gesammelt.

Wir danken Anna Zinelli vom Kunsthaus Meran für die Zusammenarbeit.

Die Art Gallery Raffl (später artForum Gallery) in Meran spielte eine bedeutende Rolle in der Kunstszene der 1990er-Jahre und war ein Ausstellungsort für avantgardistische zeitgenössische Kunst. Im Zusammenhang hiermit wurde 1996 der Verein Kunst Meran ins Leben gerufen. Mit Sitz im Kunsthaus unter den Lauben etablierte er sich als eine interdisziplinäre und internationale Plattform für zeitgenössische Architektur und Kunst. Franco Vaccari war zudem in weiteren Ausstellungen von Kunst Meran vertreten: in scapes – paesaggi striscianti, 2004, kuratiert von Thomas Demetz; + Positive. 2. Biennale von Kunst Meran, 2004, und Sound Zero, 2006, beide kuratiert von Valerio Dehò.

Die im Museion gezeigte Ausstellung Feedback. Die Environments von Franco Vaccari bietet erstmals einen Überblick über die Rauminstallationen als zentralen Kern von Vaccaris künstlerischer Praxis. Ursprünglich aus Anlass seines 90. Geburtstag geplant, ist dies die erste große institutionelle Ausstellung des Künstlers in Italien seit über einem Jahrzehnt. Sie ordnet sein Werk in einen breiteren internationalen Diskurs über die Beteiligung des Publikums ein, das für den Künstler eine aktive Rolle bei der Entstehung des Kunstwerks selbst einnimmt.

Kuratiert von Frida Carazzato und Luca Panaro

Bis zum 13.09.2026

Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm, das unter anderem eine Führung durch die Kuratorin und den Kurator (am 09.07.2026, in italienischer Sprache) sowie eine Klangperformance von Francesco Fonassi und Luisali Theisen in Vaccaris Environment Träume Nr. 1 vorsieht. Am Ende des Konzerts besteht nach vorheriger Anmeldung die Möglichkeit, in dem Raum zu übernachten, um am folgenden Tag die eigenen Träume zu erzählen und so Vaccaris Werk erneut zu aktivieren (28.05.2026, 20:30 Uhr).

Informationen zur Ausstellung und zu weiteren Veranstaltungen: Feedback. Die Environments von Franco Vaccari

Bulletin 2026