Es spielt keine Rolle, ob der oder die Fotografierende zu sehen weiß, denn der Fotoapparat sieht für sie: In diesem Satz finden sich zusammengefasst die Gedanken zur Fotografie und zum fotografischen Medium, die Franco Vaccari in seiner wegweisenden Schrift Fotografia e inconscio tecnologico (Fotografie und das technologische Unbewusste) festgehalten hat. An diesen Schlüsseltext und die Ausstellung Feedback. Die Environments von Franco Vaccari, die derzeit im Museion zu sehen ist, knüpfen unsere Leseempfehlungen in der aktuellen Ausgabe des Bulletins an. Denn wir möchten den Blick weiten für die Rezeption von Vaccaris Theorien und damit auch für ein Umfeld, in dem die auktoriale Abwesenheit zu einer generellen Kondition wird – nämlich das der zeitgenössischen Fotografie.
Wenn Autor und Autorin zurücktreten: Leseempfehlungen zu Franco Vaccari
Franco Vaccari, Fotografia e inconscio tecnologico, Einaudi, 2011.
In dem von Roberta Valtorta herausgegebenen Band spürt Vaccari dem Augenblick nach, in dem die Fotografie gerade dadurch Bedeutung erzeugt, dass Künstler und Künstlerin auf das Einnehmen einer zentralen Position verzichten. So eröffnen sie Raum für einen Prozess, in dem die Kamera gemäß ihrer eigenen autonomen Logik operieren kann, wobei sie durchaus imstande ist, unerwartete Ergebnisse hervorzubringen.
Diese Herangehensweise beschrieb der Künstler mit treffenden Worten, als er sich über seinen Beitrag zur Biennale von Venedig 1972 so äußerte: „Indem ich mich als ‚Autor‘ herausnahm, hatte ich ein Element des Dreiklangs – bestehend aus dem oder der Fotografierenden sowie der Kamera und dem Motiv – eliminiert. Indem ich also die Mechanismen der Produktion in den Vordergrund rückte, ging es mir im Wesentlichen darum, die auratische Dimension der Künstlerpersönlichkeit infrage zu stellen, Anstöße zu geben für eine Veränderung des Rituals, das sich mit Ausstellungen verbindet, und bei den Besuchenden einen Impuls zu setzen für die Bewusstwerdung des eigenen Daseins.“
Der 1979 publizierte Essay wurde mehrere Male neu aufgelegt – in der Ausgabe von 2011, die hier Gegenstand der Betrachtung ist, hat Vaccari den ursprünglichen Buchaufbau fast unverändert beibehalten und ihn lediglich um einige neu hinzugekommene Kapitel ergänzt, die die jüngsten technologischen Entwicklungen behandeln.
Franco Vaccari (Modena, 1936–2025) absolvierte zunächst eine wissenschaftliche Ausbildung im Bereich der Physik. Nach künstlerischen Anfängen als visueller Dichter gestaltete er 1969 seine erste Esposizione in tempo reale (Ausstellung in Echtzeit). In den Jahren 1972, 1980 und 1993 wurde ihm ein eigener Raum im Hauptpavillon der Biennale von Venedig gewidmet. Ab 1966 trat er als Regisseur sowie als Autor zahlreicher Künstlerbücher hervor. Er beteiligte sich an internationalen Ausstellungen in Museen und Galerien ebenso wie an bedeutenden Filmfestivals. Seine künstlerische Forschung wurde stets begleitet von theoretischen Überlegungen, die ihren Niederschlag in dem oben erwähnten Essay sowie in weiteren grundlegenden Schriften wie Duchamp e l’occultamento del lavoro (1978, Duchamp und das Verschwinden des Werkes) fanden.
Als zweiten Lesetipp ausgewählt haben wir Luca Panaros Buch L’occultamento dell’autore. La ricerca artistica di Franco Vaccari (Das Verschwinden des Autors. Die künstlerische Forschung Franco Vaccaris). Panaro ist ein ausgewiesener Kenner des in Modena wirkenden Künstlers und seines Schaffens und darüber hinaus Autor zahlreicher Publikationen und Co-Kurator der aktuellen Ausstellung im Museion.
Im Zurücktreten des Künstlers erkennt Panaro einen zentralen Aspekt von Vaccaris Praxis: als eine bewusste Entscheidung, sich zurückzunehmen, eine Entscheidung, die Raum lässt für das eigenständige Agieren des Fotoapparats. Damit wird die Kamera nicht mehr begriffen als ein neutrales Instrument, sondern als ein Medium, das selbst in einen unmittelbaren Dialog mit dem Bildgegenstand tritt und die Wirklichkeit in ihrer noch am wenigsten manipulierten Form einzufangen vermag. Der Fotoapparat kann dabei Details preisgeben, die dem menschlichen Auge entgehen. In diesem Prozess treten vom Zufall bestimmte Ergebnisse an die Stelle der bewusst getroffenen künstlerisch-ästhetischen Intention: Die Resultate sind unvorhersehbar, nicht planbar und geleitet von einem Feedback-Effekt, der sich aus der Einbeziehung des Publikums speist.
Der ursprünglich 2007 veröffentlichte Band ist auch heute noch aktuell, denn Panaros vor fast 20 Jahren formulierte Erkenntnisse sind von ungebrochener Relevanz für unsere von Selfies und künstlicher Intelligenz geprägte Zeit. Seine Studie zum Werk Franco Vaccaris bietet neben einer neuen Lesart zur Entwicklung der Fotografie auch pointierte Einsichten zum Wesen der zeitgenössischen Kunst selbst.
Luca Panaro (Florenz, 1975) ist ein italienischer Kunstkritiker, Kurator und Akademiker. Im Zentrum seiner Forschungstätigkeit steht die Untersuchung des zeitgenössischen Bildes mit einem besonderen Schwerpunkt auf Fotografie, Videokunst und Neuen Medien. Er lehrt an der Kunstakademie Brera und der Kunstakademie in Bologna sowie am ISIA in Urbino und an der Fondazione Modena Arti Visive.
Hito Steyerl, Medium Hot: Bilder in Zeiten der Hitze, Diaphanes, 2025.
Hieran schließt unsere dritte Leseempfehlung an: Sie führt den Blick über das Werk Vaccaris und seine kritische Rezeption hinaus und hin zu einem Kontext, in dem die auktoriale Abwesenheit zu einer generellen Kondition des zeitgenössischen Bildes wird.
In ihrem Buch Medium Hot: Bilder in Zeiten der Hitze beschreibt Hito Steyerl ein visuelles Ökosystem, in dem Bilder innerhalb komplexer technologischer Systeme generiert, ausgewählt und in Umlauf gebracht werden. Auktoriale Abwesenheit ist hier nicht länger eine künstlerische oder kritische Entscheidung, sondern eine strukturelle Gegebenheit, die neue Formen von Delegierung, Kontrolle und geteilter Verantwortung mit sich bringt. So konstatiert Steyerl in der ihr eigenen scharfsinnigen Weise: „Die Essays werfen ein Schlaglicht auf einige Aspekte der rasch ausufernden Verbreitung von Machine-Learning-Technologien und deren Auswirkung auf Gesellschaft, Kunst und verschiedene Bereiche der Arbeit. Vielleicht dienen sie als Zeitkapseln künftigen Geschichtsschreiber*innen, die sich vielleicht irgendwann die Frage stellen: Was dachten sich die Menschen, als das alles begann? Wie sind sie mit der ihnen drohenden Zombifizierung umgegangen, das heißt mit der Aussicht, durch die Tools statistischer Konformität zu Auslaufmodellen, ja zu Untoten gemacht zu werden?“ (S. 22, Diaphanes 2025)
Hito Steyerl (München, 1966, lebt und arbeitet in Berlin) studierte an der Kunsthochschule in Tokio und an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Hieran schloss sich eine Promotion in Philosophie an der Akademie der bildenden Künste Wien an. Derzeit ist sie Professorin für Aktuelle Digitale Medien an der Akademie der Bildenden Künste München.
Die im Museion präsentierte Ausstellung Feedback. Die Environments von Franco Vaccari bietet erstmals einen Überblick über die Rauminstallationen als zentralen Kern seiner künstlerischen Praxis. Ursprünglich aus Anlass von Vaccaris 90. Geburtstag geplant, ist dies die erste große institutionelle Ausstellung des Künstlers in Italien seit über einem Jahrzehnt. Sie ordnet sein Werk in einen breiteren internationalen Diskurs über die Beteiligung des Publikums ein, das für den Künstler eine aktive Rolle bei der Entstehung des Kunstwerks selbst einnimmt.
Kuratiert von Frida Carazzato und Luca Panaro
Bis zum 13.09. September