Kunst verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, Materie in Gedanken zu verwandeln, Regeln auf den Kopf zu stellen und uns damit zum Staunen zu bringen. Und genau das passiert, wenn sich der Künstler Eduard Habicher für das Werkmaterial Stahl entscheidet und es zu Strukturen biegt, die wie im Begriff wirken, abzuheben, schwebend in einem scheinbar prekären Gleichgewicht. Sie sind Ergebnis eines profunden Verständnisses für das Material und der Fertigkeit zu seiner Beherrschung.
Anlässlich der Ausstellung Eduard Habicher. Memory in Motion, die derzeit im Museion und im Kleinen Museion – Cubo Garutti zu sehen ist, hat eine Gruppe von La Rotonda den Künstler in seinem Atelier in Riffian besucht – er selbst spricht von seiner „Werkstatt“. Dies ist unser Bericht über einen Nachmittag im April, verfasst von Laura Pernechele (Projektmanagerin Bildungsprojekte) und Mette Zannato (kuratorische Assistenz), die die Gruppe begleitet haben. Der Gemeinschaftsraum La Rotonda wird von der Sozialgenossenschaft Officine Vispa im Bozner Stadtteil Don Bosco betrieben.
Es ist ein sonniger Tag, als wir ankommen. Eduard Habicher empfängt uns vor dem Ateliergebäude, das er selbst entworfen hat: mit enorm hohen Decken und unregelmäßigen Fenstern, die im Hinblick darauf gestaltet sind, seine Skulpturen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten zu können. An der hellen, glatten Fassade rankt eine üppige Weinrebe empor: Im Spätsommer – so erklärt uns der Künstler – braucht man nur die Hand aus dem Fenster zu strecken, wenn man ein paar Trauben zum Essen pflücken möchte.
Kaum sind wir eingetreten, begegnen uns einige in Arbeit befindliche Werke und noch unbehandelte Stahlträger, die ordentlich an der Wand gestapelt sind. Sofort fühlt sich die Gruppe bei dem Künstler wohl, und es regt sich eine pragmatische Neugier.
Wie entstehen deine Skulpturen?
Zur Beantwortung dieser Frage lädt uns Eduard Habicher in den Arbeitsbereich seiner Werkstatt ein. Ein durchdringender Geruch nach Metall und Harz hängt in der Luft. In diesem Raum ist das gesamte Handwerkszeug des Künstlers versammelt: eine Kreissäge, eine Hydraulikpresse und anderes.
Eduard Habicher: Die Skulpturen bestehen im Wesentlichen aus gebogenen und in sich verdrehten Stahlträgern, die anschließend mit einer Beschichtung aus rotem, wasserfestem Kunstharz versehen werden. Die Materialien selbst haben grundlegende Bedeutung für meine Arbeiten; die Wahrnehmung ihrer Körperlichkeit und Elastizität ist wichtig.
Daraufhin stößt der Künstler eine der Skulpturen an: einen langen Tentakel aus poliertem Stahl, der eine aus blauem Murano-Glas gefertigten Rohling trägt. Die Skulptur beginnt zu schwingen, als bestünde sie aus Gummi.
EH: Die Skulptur sehe ich als Teil des Lebens, als etwas Rigides, das sich biegt und bewegt, etwas, das leicht wird.
Und warum die Farbe Rot?
EH: Ursprünglich war es normaler polierter Stahl, ein Werkmaterial, das sich für mich anfühlte wie eine Energielinie, die sich schlängelnd und zuckend durch den Raum bewegt. Doch im städtischen Umfeld – wo sich ein Großteil meiner Arbeiten befindet – verschmolzen die Skulpturen mit den Verkehrszeichen. Aus diesem Grund habe ich mich für die Farbe Rot entschieden, die ihnen eine besondere visuelle Kraft verleiht und ins Auge fällt.
Woher kam die Idee zur Verwendung dieser Werkmaterialien?
EH: In der Anfangszeit arbeitete ich während meines Studiums an der Akademie noch mit herkömmlicheren Werkstoffen und mit klassischen Techniken. Aus feuerfester Schamotte schuf ich stark gelängte Skulpturen, es gab damals also schon diese Spannung in die Höhe. Das Material war allerdings sehr empfindlich … wenn die Arbeiten von Ausstellungen zurückkamen, waren sie alle angestoßen und beschädigt. Ich bin ein sehr praktisch veranlagter Mensch: Was ich brauchte, war ein robusteres und stabileres Werkmaterial, und daher begann ich, mit Stahl zu arbeiten.
Wir betreten einen anderen Raum. In einer Regalwand stehen dort Modelle der Skulpturen. Die meisten in der Gruppe kennen bereits Habichers im Umland installierte Skulpturen. Unter den Modellen erkennt jemand das Haus eines Freundes in Branzoll wieder. Jemand anders entdeckt eine Arbeit, die in Frangart vom Radweg aus zu sehen ist, und eine dritte Person die Skulpturen am „Hexenhaus“ in Bauernkohlern, in der Gemeinde Bozen, die so wirken, als würden sie einen Hügel hinabstürzen. Eine Dame stößt auf eine Skulptur, die ihr bekannt vorkommt: Sie setzt sich aus zwei übereinander angeordneten Kreisen, einem blauen und einem silbernen, zusammen:
Die steht doch etwas versteckt in der Buozzi-Straße!
EH: Sie ist insofern besonders, weil sie blau ist, denn die Stadtverwaltung hegte die Befürchtung, durch das Rot könnte sie mit einem Stoppschild verwechselt werden …
Wenn das Modell steht – wie lange dauert dann die Anfertigung des Kunstwerks selbst?
Für solche Werke sind eine Menge Arbeitsstunden erforderlich … Das kann Wochen oder auch Monate dauern.
Wie funktioniert das eigentlich bei privaten Auftraggeber*innen? Entscheidet man gemeinsam mit ihnen über die Ausführung der Skulptur?
EH: In der Regel wird man ja von jemandem kontaktiert, der deine Arbeit schätzt und dich um die Gestaltung einer Skulptur bittet. Das ist nicht so, als würde man losgehen und sich ein fertiges Gemälde aussuchen, das man kaufen möchte: Es ist ein langer Prozess, und dabei entsteht etwas im gemeinsamen Dialog. Oft sind aus diesen Arbeiten heraus auch schöne Freundschaften erwachsen.
Unter den Orten, an denen deine Arbeiten aufgestellt sind – welcher ist am weitesten entfernt?
EH: Uruguay: Es handelt sich um eine Arbeit von 12 m Länge, die über der Oberfläche eines Sees schwebt und mit den Spiegelungen des Wassers spielt. Ich habe sie im Jahr 2010 für die Fundación Pablo Atchugarry geschaffen.
Der Allround-Handwerker, der die Räume von La Rotonda ehrenamtlich betreut, hat ein besonderes Anliegen:
Warum zeigst du mir nicht, wie man solche Skulpturen anfertigt? Dann könnte ich sie nachbauen und in La Rotonda ausstellen. Das wäre doch schön, wenn wir eine für uns hätten!
Die Gruppe muss lachen angesichts der Vorstellung eines mit Nachbildungen bestückten Gartens vor dem Gebäude von La Rotonda. Wir gehen weiter in den geräumigeren zentralen Bereich des Ateliers, in dem sich große rote Stahlskulpturen unter gewaltigen Deckenhöhen erheben. Habicher rüttelt an einer von ihnen, sodass sie ins Schwingen kommt.
EH: Ein Windhauch genügt, um sie in Bewegung zu setzen … und dennoch sind sie stabil!
Er fordert uns auf, mit den Arbeiten zu interagieren, in sie hineinzugehen und uns von ihnen umarmt zu fühlen. Die Gruppe beginnt, in ihrem Inneren Selfies zu machen, nutzt sie als Sitzgelegenheit, bringt sie zum Schaukeln und posiert, umgeben von roten Stahlträgern. So endet der Besuch mit einem Lächeln, mit Gruppenfotos und neuen Fragen, während die Skulpturen sachte im Atelierraum vor sich hinschwingen.
Eduard Habicher. Memory in Motion
Die Ausstellung Memory in Motion, die in der Museion Passage zu sehen ist, präsentiert vier monumentale, eigens für diesen Anlass geschaffene Skulpturen: Hommage, Passage, Geöffnet–aperto und Pro-tetto. Die Arbeiten bestehen aus Industrieprofilen und Edelstahl, Materialien, die ursprünglich für Rationalität, Stabilität und Funktionalität stehen. Durch präzise handwerkliche Eingriffe werden sie gebogen, geöffnet und neu ausbalanciert. So entstehen skulpturale Linien, die trotz ihrer Masse eine überraschende Leichtigkeit entfalten. Ein zentrales Element in Habichers Werk ist die charakteristische rote Farbe. Diese „rote Linie“ durchzieht auch die Skulpturen in der Passage: Sie spannt sich durch den Raum, setzt Akzente und verbindet die einzelnen Arbeiten visuell miteinander. Ohne Sockel direkt im Raum platziert, begleiten die Skulpturen das Publikum durch diesen offenen Bereich und werden Teil des alltäglichen Bewegungsflusses.
Kuratiert von der Museion Passage Group in Zusammenarbeit mit dem Künstler Eduard Habicher
Bis zum 31.01.2027
Eintritt frei