Bulletin #30

Zukunft denken, träumen und Widerstand leisten: Die Visionen der jungen FOAM-Teilnehmerinnen für das Museion

FOAM Teilnehmer*innen Foto: Lucia Rose Buffa

„Es gibt nicht ‚die eine‘ Antwort, die alle unsere zukünftigen Probleme lösen wird. Es gibt kein Wundermittel. Stattdessen gibt es mindestens Tausende Antworten. Du kannst eine von ihnen sein, wenn du dich hierfür entscheidest.“
Octavia Butle

Die Vorstellung, dass Museen abgehobene Räume seien, die sich der Aufgabe widmen, Kunstwerke zu bewahren und auszustellen, ist inzwischen überholt: Heute wird von Museen verlangt, dass sie sich Fragen stellen – nach ihrer gesellschaftlichen Rolle, nach der eigenen Relevanz in der Gemeinschaft und nach dem Netzwerk persönlicher Beziehungen, innerhalb dessen sie agieren. Wie also ließe sich ihre Zukunft gestalten? Auf diese Frage haben die zehn Teilnehmenden des Masterstudiengangs FOAM jeweils eine eigene Antwort gegeben, die im Modul Infrastrukturen des Kuratierens unter Leitung von Sepake Angiama erarbeitet wurde. Die hieraus hervorgegangenen Projekte behandeln das Museion als ein Experimentierfeld. Sie stellen sich die Institution Museum als einen Raum vor, der für Teilhabe, Nachhaltigkeit, Aktivismus, Wohlbefinden und den Dialog mit dem Umland offen ist und dabei über die eigenen physischen Grenzen hinausweist. Die Projektarbeiten wurden in einem Fanzine zusammengestellt und können als PDF am Anfang dieses Artikels heruntergeladen werden. Drei repräsentative Beispiele möchten wir nachfolgend vorstellen.

Unfolding the Museum
von Eleonora Todeschi

Museen besuche ich häufig und habe dabei festgestellt, dass sie teilweise heute noch Orte sind, die sehr hermetisch auftreten. So kommt es beim Betrachten einer Ausstellung schon einmal vor, dass sich mir die Bedeutung der Themen nicht ganz erschließt. Nach meiner Erfahrung werden Kunstmuseen weiter als Nischenräume wahrgenommen, die sich an ein ausgewähltes Publikum wenden.

In diesem Zusammenhang fällt mir die ironische Definition ein, die Gustave Flaubert in seinem Wörterbuch der gemeinen Phrasen zum Stichwort Museum formuliert hat: Dieses wird beschrieben als ein Ort, der dem Ruhm der Nation dient, von einem aristokratischen Publikum frequentiert wird und sich Bildungsaufgaben widmet, vor allem aber nur wenigen Interessierten vorbehalten ist. Das hier entworfene Bild entstammt zwar einem fernen historischen Kontext, ist aber nach wie vor aktuell.

Ich finde, dass Kunstmuseen – und nicht nur sie – angesichts der Welt, in der wir leben, die von Instabilität und immer rascher aufeinander folgenden Veränderungen geprägt ist, versuchen sollten, sich parallel hierzu weiterzuentwickeln und zu verändern. Dabei kann sich das Museum nicht mehr darauf beschränken, ein Ausstellungsraum zu sein, es muss ein Ort des Dialogs, des kritischen Denkens und der Teilhabe werden. Viele Menschen teilen diese Vision und sind von ihrer Notwendigkeit überzeugt, doch was bedeutet das nun konkret?

Im Versuch, diese ausgesprochen komplexe Frage zu beantworten, habe ich beschlossen, ein Meinungsbild zur Aufgabe des Kunstmuseums bei den Boznern und Boznerinnen einzuholen und 20 Interviews mit Personen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren geführt. Diese äußerten dabei ein deutliches Gefühl der Distanz zu der Kultureinrichtung: Viele der Befragten besuchen Museen nur selten und tun dies vor allem auf Reisen. Sie gaben zudem an, nicht immer nachvollziehen zu können, was im Rahmen von Ausstellungen zu sehen sei. Es traten insgesamt drei Hauptkritikpunkte hervor: mangelndes Verständnis, fehlende Teilhabe und ausbleibende soziale Interaktion.

Die Idee, diesen Kritikpunkten durch den Aspekt der Geselligkeit entgegenzuwirken, geht auf einen Traum zurück, den ich in den Weihnachtsferien hatte: Er handelte von einem langen Tisch, aufgestellt in der Museion Passage, an dem Menschen gemeinsam aßen und sich unterhielten. Der Tisch war so lang, dass er sich durch die Fassade des Museums hindurch erstreckte und im Außenbereich fortsetzte [1].

Der Tisch wurde somit zu einer zentralen Metapher für das Projekt: als ein Setting, das Gleichheit, Gastfreundschaft und Austausch ermöglicht und dabei hilft, Hierarchien aufzulösen und den Dialog zu fördern.

[1] Das Plakat für das Projekt: ein langer Tisch, der sich durch die Fassade hindurch in den Außenbereich des Museums erstreckt

Auch historisch ist belegt, dass im Akt des gemeinsamen Essens Räume der Reflexion und Debatte entstehen. Man denke etwa an das convivium der römischen Antike oder an Platons „Symposion“ [2]: Das Festessen verbindet seit jeher eine soziale Dimension mit intellektuellem Austausch.

[2] Anselm Feuerbach, Das Gastmahl (nach Plato), zweite Fassung, 1871–1874

Von diesen Überlegungen ausgehend, nahm das öffentliche Format Unfolding the Museum Gestalt an. Das gemeinsame Abendessen dient dabei als ein informelles Setting zur Förderung von Dialog, Austausch und kollektivem Aufbau von Wissen. Es ist als wiederkehrende Veranstaltung angelegt und stellt eine alternative Weise dar, das Museum zu besuchen und zu erleben.

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MuseIOT, The expanding urban museum
von Martina Salerno

Das von mir entwickelte Projekt ging aus einigen Beobachtungen vor, die mir in Bezug auf das Museion und das Verhältnis zu seinem Umfeld aufgefallen sind.

Das Museion ist eine Einrichtung, die ein besonderes Augenmerk auf aktuelle Themen richtet, deren Programmplanung auf der Höhe der Zeit ist und die vor allem ein fachlich interessiertes internationales Publikum anzieht. Gleichzeitig weist sie jedoch die Spuren einer institutionellen Prägung auf, die bei einer ganzen Reihe von Museen anzutreffen sind und selbst in einer so innovativen Organisation wie dem Museion ungewollt dafür sorgen können, dass sich eine gewisse Distanz zu einem Teil der lokalen Bevölkerung auftut, vor allem dann, wenn dort eine starke Verbundenheit zu den eigenen Traditionen besteht. Nicht der Zugang oder die Nutzungsmöglichkeit stehen hier zur Debatte, vielmehr geht es darum, einem vielfältigen Publikum Gelegenheit zu verschaffen, sich selbst als Teil des zeitgenössischen kulturellen Diskurses zu erfahren und aktiv an dessen Gestaltung mitzuwirken.

Für die Zukunft des Museion stelle ich mir die Bereitschaft vor, sich als Organisation von den historischen Beschränkungen frei zu machen, die dem Museum als einer autoritär-normativen Institution auferlegt wurden. Das Ziel ist es, die eigene Rolle zu überdenken: sich von einer Einrichtung, die kulturelle Inhalte vorgibt, weiterzuentwickeln zu einem offenen Ort der Debatte, an dem Wissen mit vielfältigen Gemeinschaften geteilt, diskutiert und aufgebaut wird. Aus dieser Sichtweise schreibt sich MuseIOT dem Museum als eine Erweiterung ein, expandiert in die Stadt hinein und bietet Gelegenheit für Austausch und kritisches Denken. Dabei wendet es sich auch – und vor allem – an jene Gemeinschaften, die sich derzeit in den Kulturinstitutionen nicht vollständig vertreten fühlen.

Aus diesem Grund richtet das Projekt auch den Blick auf Technologien, die uns heute zur Verfügung stehen, und sieht in ihnen mögliche Werkzeuge der Vermittlung, um Menschen in Beziehung miteinander treten zu lassen. Ein Netzwerk partizipativer Installationen, die auf der Grundlage von IoT-Technologien (Internet of Things) in der Stadt und im Umland miteinander kommunizieren, werden somit zu einer kulturellen Infrastruktur, die neue Möglichkeiten für eine direkte bürgerschaftliche Beteiligung am Alltagsleben eröffnet.
Als Beispiel ließe sich etwa ein hypothetischer IoT-Knoten auf dem Waltherplatz nennen. Er könnte in Form eines kleinen Pavillons installliert werden, und neugierige Passant*innen wären eingeladen, ihn zu betreten und ihre Gedanken und Überlegungen zu einem bestimmten Thema anhand der dort angebrachten IoT-Geräte zu übermitteln. Diese würden speziell an den jeweiligen Standort des Knotens angepasst: So könnten etwa auf dem Platz, auf dem sich zeitweise große Menschenmengen aufhalten, mit dem Museion vernetzte Mikrofone oder Displays aufgestellt werden.
Die daraus hervorgehende Sammlung von Stimmen würde als Input für Kuratorinnen und Kuratoren dienen und in ihre Vorschläge für die neue Programmgestaltung einfließen, sodass ein synergetischer Dialog zwischen dem Museum und sämtlichen Bewohner*innen und Besucher*innen der Stadt entstünde.
Dieses Museumsmodell spricht weite Kreise der Gesellschaft an und kann auch von allen erfahrungsbasiert verstanden und erlebt werden. Tatsächlich umfasst das Netzwerk der miteinander verbundenen Hubs verschiedene Themenbereiche, mit denen ich mich im Zuge des Masterstudiengangs FOAM beschäftigt habe, darunter Kybernetik, digitale Medien und Stadtplanung: allesamt Bereiche, die sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Gegenwart auseinandersetzen, um die Zukunft neu zu gestalten.

Martina Salerno, MuseIOT: The expanded urban museum

Radio Baccano
von Maria Costan Davara

Anstatt mich zu fragen, wie die Zukunft des Museion wohl aussehen könnte, habe ich zunächst einmal überlegt, was es für eine Kultureinrichtung bedeutet, heute Stellung zu beziehen. Nicht nur im Hinblick auf die eigene Programmgestaltung und ihre Inhalte, sondern auch auf die interne Organisationsstruktur selbst – oder auf das, was Keller Easterling als „Disposition“ bezeichnen würde. Die Vorstellung eines offeneren Museums oder die Frage danach, wie der Kunsttempel seine Tore aufstoßen könnte, interessierte mich nicht, denn damit würde faktisch nur der Binarismus reproduziert, demzufolge die randständigen Stimmen sich erst dann zu Wort melden, wenn die Mitte ihnen eine Redeerlaubnis erteilt.

Was bedeutet es wirklich, von den Rändern aus zu sprechen?

Die Schriftstellerin bell hooks beschreibt den Rand als einen Ort, von dem aus man beobachten und Dinge hinterfragen kann. Diese Vorstellung bildet den Ausgangspunkt für mein Projekt: Es erweitert das Feld bis an seine Grenzen, bis hin zum Wildwuchs der Wirklichkeit – denn auch dort wird Kultur produziert und mit ihr Ausformungen von politischer und gesellschaftlicher Vorstellungskraft, und führt das Museum aus seinem Dasein als Kunsttempel heraus, negiert dessen Aura der Unantastbarkeit und hebt sie auf, setzt die Einrichtung von den Rändern her in Bewegung. Hieraus ging das Projekt „Radio Baccano“ hervor, das ich im Rahmen einer Forschungsarbeit bei Kanal—Architecture in Brüssel entwickelt habe.

Diese Forschungsarbeit untersucht die Baustelle des Kanal Centre Pompidou und betrachtet sie als eine Fallstudie für die Neugestaltung der Beziehungen zwischen Institution und urbanem Raum. Eine Thematik, die ihre Entsprechung auch im Kontext von Bozen und dem Museion findet, das sich als ein Museum mit sozialer Verantwortung versteht.

Meine Projektidee greift die Tradition der freien Radiosender im Italien der 1970er-Jahre auf – nicht nur, weil sie ein Labor für politische Imagination waren, sondern auch aufgrund der kreativen und subversiven Rolle, die sie dem Medium Radio zuschrieben.

Radio Baccano ist mobil unterwegs und von dem Gemeinschaftsprojekt „Bike-Vacco“ (Biwak auf Rädern) angeregt, das in Belluno in der Ciclofficina Bambara realisiert wurde. Radio Baccano bewegt sich durch Brüssel und orientiert sich dabei an einem Stadtplan gegeninstitutioneller Räume, die die städtische Kulturszene beleben. Der Radiosender fungiert als offene Plattform und wandelt sich jeweils mit dem Ort, der ihn beherbergt. Grundlage für das Experiment bildet die Frage, was passieren würde, wenn die Ränder das Wort ergreifen. Zugleich reflektiert es über die Möglichkeiten, eine neue Definition für das zu finden, was eine Institution ausmacht – und somit auch das Museum.

Brüssel erwies sich von vornherein als ideales Terrain für ein solches Vorhaben: Die Stadt kann eine erstaunliche Anzahl unabhängiger Initiativen vorweisen, die im Umfeld der großen Kultureinrichtungen und in Reaktion auf einen von oben angeordneten Urbanisierungsprozess – die sogenannte „Brüsselisierung“ – entstanden sind. Dies erinnerte mich in vielerlei Hinsicht an die Lagunenstadt Venedig, mein erstes Forschungsfeld und ein internationales Reiseziel, in dem die Präsenz der Biennale-Ausstellungen im Laufe der Zeit ein ganzes Netzwerk autonomer Räume hervorgebracht hat, die in ausdrücklichem Widerspruch zum herrschenden System stehen. Es interessierte mich, gerade in diesem Ökosystemen nach möglichen Neuausrichtungen für die Institution Museum Ausschau zu halten: in politischer, nomadischer, kollektiver Hinsicht und von den Rändern her.

Möglicherweise besteht die Zukunft des Museion also nicht darin, offener oder einladender zu werden – anders formuliert: attraktiv für ein breiteres Publikum – und sich antreiben zu lassen von der Erschließung immer neuer Zielgruppen. Möglicherweise muss sich ein Museum, wenn es zeitgemäß sein möchte, von dem durchdringen lassen, was zeitgemäß ist, noch bevor dieses institutionalisiert und eingeordnet wird. Genau das bedeutet „fare baccano“, Krach machen: die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass vielfältige Stimmen nebeneinander existieren können, ohne auf eine einstimmige Mitte zurückgeführt zu werden.

Aufnahme des Bike-vacco, einem Biwak auf Rädern, entstanden in der Casa dei Beni Comuni, Belluno, 2024.

Future of Art Museums – FOAM ist ein vom Museion und unibz entwickelter weiterbildender Masterstudiengang der Aufbaustufe. Er bildet Fachkräfte im Bereich der Museumswissenschaft und Ausstellungsgestaltung aus und befähigt sie dazu, sich in kreativer Weise mit den Herausforderungen auseinanderzusetzen, die an zeitgenössische Kunstmuseen und ihre Aufgabe in einer sich immer wieder wandelnden Gesellschaft gestellt werden.

Das Studienprogramm deckt die wichtigsten Themenbereiche ab, die die zentralen Aufgaben zeitgenössischer Kunstmuseen ausmachen – Konzeption und Präsentation von Ausstellungen, das Anbieten von öffentlichen Programmen, Workshops und Veranstaltungen, die Realisierung von Forschungsprojekten und das Sammlungsmanagement –, und bietet innovative Perspektiven und Werkzeuge für die Umsetzung und Gestaltung dieser Handlungsfelder. Die zweite Ausgabe des Masterstudiengangs startet im Oktober 2027. Die Bewerbungsphase beginnt im Frühjahr desselben Jahres.