Matt Mullicans Werk, das derzeit in der Passage zu sehen ist, bietet eine Reihe von Denkanstößen für unsere Buchauswahl. Das Projekt des amerikanischen Künstlers entsprang der Idee, die Stadtbevölkerung in einen Moment des Übergangs für das Museion mit einzubeziehen. In diesem Sinne verschaffte das für die Umzäunung der Baustelle des Museums geschaffene Werk einer Institution Sichtbarkeit, die es physisch zwar noch nicht gab, die aber bereits ihren Willen manifestierte, in das Territorium hinauszugehen und sich Gehör zu verschaffen. Fabiola Naldi erzählt uns von Kunst, die für und im öffentlichen Raum geschaffen wird: In ihrem neuen Essay erklärt die Autorin anhand der zwanzigjährigen Aktivität von Blu im Bereich der Drawing Art, wie urbane Oberflächen durch Street Artists zu Orten der - auch radikalen - Intervention wurden und wie diese Werke in verwahrlosten Stadtteilen oft Umgestaltungsprozesse auslösten und es dabei vermochten, die Anwohnerschaft zu aktivieren.
Über diesen wichtigen Aspekt hinaus eröffnet 102 Signs for a Museum Fence (102 Zeichen für den Bauzaun des Museums) weitere interessante Themengebiete. Durch eine komplexe Sprache aus Symbolen und Piktogrammen beschreibt und ordnet der Künstler unser materielles und geistiges Universum. Gerade die Tätigkeit des „Katalogisierens“ von Erfahrungen zieht sich unserer Meinung nach auch durch Hans Knapps Werk, das in seinem kürzlich erschienenen Künstlerbuch meisterhaft verdichtet ist.
Mullicans Kosmologie bedient sich unterschiedlicher Formen und Farben, um verschiedene „Welten“ in einem Crescendo von Schichtungen und komplexen Interpretationen zu klassifizieren. Einer faszinierenden Sprache ohne Worte bedienen sich auch andere Künstler_innen, die wir hier vorstellen möchten: von der tiefgründigen kulturellen Botschaft der Piktogramme der Designerin Yang Liu über die stilisierten Gesichter von Bruno Munari bis hin zu den poetischen Farbformen von Leo Lionni.
In dieser Zeit, in der Mimik als auch verbale Kommunikation durch die Masken, die wir tragen müssen, stark eingeschränkt sind, kommt uns schließlich Bruno Munaris kreatives Genie zu Hilfe und bietet uns die Möglichkeit, nicht mit Worten, sondern mit einer großen Vielfalt an fotografierten Handgesten zu kommunizieren, die er in seinem historischen Wörterbuch beschreibt.
Eine künstlerische Praxis erfassen: ein Forschungsprojekt des Museion