Eine Erinnerung an Franco Vaccari

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16.12.2025

Wenige Tage nach seinem Tod möchte das Museion an Franco Vaccari erinnern, ein Unterfangen, das alles andere als einfach ist. Obwohl Vaccari als Künstler vor allem im Bereich der Fotografie gewachsen und bekannt geworden ist, finden sich in der Museumssammlung Werke, die bereits auf sein frühes Interesse an visueller Poesie verweisen, an jenen „anonymen Formen der Poesie“, wie er sie selbst bezeichnete. Oder genauer: an den „Spuren“, die Menschen hinterlassen. Spuren, die auf der Straße zurückbleiben, an Mauern haften, auf Passfotos erscheinen, die in den zahlreichen Fotokabinen entstanden, die vor einigen Jahrzehnten das Stadtbild prägten; oder Spuren, die sich aus niedergeschriebenen Träumen ergeben oder aus den getrunkenen Kaffees in einem Raum, der zwar Bar war, zugleich aber auch Kunstwerk.

Als konzeptueller Künstler war Franco Vaccari weit mehr als ein Vertreter der italienischen Fotografie, weit mehr als ein Künstler der Neoavanguardia und weit mehr als ein Vorläufer jener künstlerischen Bewegungen, die später unter Begriffen wie Relational Art oder Narrative Art gefasst wurden. Sein Interesse galt stets den Menschen und dem, was sie zu sagen hatten. Den Raum, den normalerweise der Künstler selbst einnimmt, überließ er dem Publikum, jenen, die ihm bewusst oder unbewusst begegneten.

Ab 1969 bezeichnete Vaccari seine Projekte als Esposizioni in tempo reale und unterstrich damit, dass Spuren untrennbar mit Zeit verbunden sind: Sie entstehen in der gelebten und erfahrenen Zeit. Zeit ist bei Franco Vaccari daher keine abstrakte Kategorie, sondern etwas Reales. Von diesem Moment an beginnt die beeindruckende Reihe der Esposizioni in tempo reale, von denen er einige später in anderen Kontexten erneut aufgriff, stets mit einer Verschiebung, einer neuen Nuance durch eine veränderte Realität. Auch dort, wo sich Vaccari Träumen und dem Onirischen zuwendet, bleiben es Ausstellungen in Echtzeit. Denn auch das Traumhafte ist real, sobald es erzählt oder sichtbar gemacht wird.

Die emulsionierte Leinwand aus der Sammlung des Museion, Teil eines Konvoluts von rund zwanzig Werken des Künstlers, trägt den Satz: „Ich schwöre, diesen Hund auf der Straße mit ganz der Ausstrahlung einer echten Poesie umherstreifen gesehen zu haben“ aus dem Jahr 1967. Es handelt sich nicht um eines von Vaccaris späten Werken. Und doch vereint es vieles, was seine Praxis über Jahrzehnte hinweg auszeichnete: den Blick auf das Alltägliche, auf die Provinz – Franco Vaccari lebte zeitlebens in Modena und verließ seine Stadt nie –, die bewusste Entscheidung für den Nebenweg, das Finden von Schönheit durch Ironie ebenso wie durch Strenge, das konsequente Sich-selbst-Treu-Bleiben bei gleichzeitiger Weitsichtigkeit und der Vorwegnahme zahlreicher späterer künstlerischer Ansätze.

In einer seiner Esposizioni in tempo reale trägt der Titel genau jene Haltung in sich, mit der Franco Vaccari Menschen begegnete, sei es ein anonymes Publikum oder die Kunstwelt: Er unterschied nicht zwischen Menschen, sein Auftreten war stets geprägt von Offenheit und Freundlichkeit: „Auch du hier? Kaffee!

— Frida Carazzato, Forschungskuratorin des Museion

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